30.01.2012 | Überleben in der Savanne
Der Abendkurs ist zu Ende; Lehrer Leonard schaltet das Solarlicht aus, die 35 Frauen verlassen ihr liebgewordenes „Atelier“, das ihnen der KONVOI 2010 gebaut hat und gehen nach Hause.
Bei der Alphabetisierung in Gonsé sind sie ebenso eifrig bei der Sache, wie die 40 Frauen im nahen Bantougdo, die in ihrer Werkstatt abends Lesen und Schreiben lernen und tagsüber Decken aus Baumwolle weben.
Die 30 in Saaba nicht vergessen, denen wir ja kürzlich ebenfalls ein „Atelier“ gebaut haben.
Leonard steigt auf seine Tretmühle, um über den vertrauten Feldweg heim zu fahren.
Doch unterwegs kracht die Kette, er muss das Moped 9 Km weit durch die Nacht schieben. Es ist stockdunkel; nur das Handy liefert ein fahles Licht.
Als er gegen Mitternacht daheim ankommt sind die Seinen in heller Aufregung.
Zum zweiten Mal in drei Wochen hat ihn seine chinesische ‚Kaizer’ im Stich gelassen. Aber sein dürftiges Lehrergehalt reicht nicht für ein neues Fahrzeug.
Zumal er jetzt dringend in Eigenarbeit die Mauer um sein Haus hochziehen muss, um Hühner, Esel und Geräte vor Dieben zu schützen. Wir haben ihm stets nach Kräften geholfen.
Aber die Unterstützung der Gemeinschaft geht stets vor. Also hat er sich verschuldet, einen Kredit aufgenommen und macht nun viermal die Woche den Abendkurs Alphabetisierung 2 für die Frauen von Gonsé.
Am nächsten Morgen bin ich auf dem Weg in den Nachbarort Bantougdo und bringe ihn samt seinem Moped zum Mechaniker.
Unterwegs machen wir Halt beim neu erbauten Kinderhort, die Kleinen begrüßen uns wie immer begeistert. Denn sie wissen, der Onkel bringt ihnen wieder was mit. Diesmal sind es zwei Säcke Reis, Sardinen, Tomatenmark und vier große, saftige Melonen.
Die beiden Kindergärtnerinnen machen gute Arbeit. Statt der ursprünglich angemeldeten 40 Kleinen im Alter von drei bis sechs müssen sie eine Bande von bald sechzig ruhig halten. Aber Olga und Sahra haben das im Griff; Mädchen und Buben reißen sich geradezu darum, nach vorn gerufen zu werden, um Buchstaben und Zahlen zu entziffern.
Dank großherziger Spenden aus Deutschland haben die Kinder nun Spielgeräte – Schaukeln, Wippen und eine Rutschbahn.
Die Betreuerinnen bekommen ein kleines Salär und die Mütter kochen jeden Tag ein nahrhaftes Essen.
Kochen mit dem Ökoherd 
Es gibt Reis mit Sardinen
Jeder will mal schaukeln
Im benachbarten Bantógodo sind die Frauen am Weben. In der Trockenzeit arbeiten sie lieber im Freien, unter dem offenen Dach neben der Werkstatt ist es heller.
Die Decken werden ihnen auf dem Markt aus den Händen gerissen. Denn nachts ist es jetzt kühl, „nur“ 16 Grad. Da braucht jeder zum Schlafen eine Wolldecke.
Webstühle vom KONVOI
Der Bau der Sekundärschule geht dem Ende zu.
Die Zwischendecken (Hitzedämmung) werden eingezogen und die restlichen Fenster und Türen eingebaut. Fehlen noch Innenböden, das Solarlicht und die Anlage der Außenfront mitsamt der umlaufenden Pergola.
Es wird ein Prachtstück von Schule!
Auf dem Heimweg halten wir bei einem Kapokbaum. Eine Frau schüttelt Blüten herunter, die eine gallertartige Soße ergeben für den täglichen Hirsebrei. So arm sind die Leute hier, dass sie der Natur alles Essbare abgewinnen.

Die letzte Ernte war so karg, daß jetzt viele in der Savanne am Hungertuch nagen. Dabei steht der Höhepunkt der Trockenzeit noch bevor. Umso dringlicher, den Kindern dieser Frauen Schulen zu geben und Nahrung, kurzum – eine Zukunft.
Dr. Rolf Pflücke – Jan. 2012