28.11.2011 | Ein Kinderhort in der Savanne!?!
Sieh an, es geht doch auch miteinander! Die Männer rühren den Mörtel an und die Frauen säubern das Gelände. Für Afrika ein ungewohntes Bild, wo die ‚niederen’ Arbeiten den Frauen vorbehalten sind und die Männer nur gegen Lohn zu einer Schaufel greifen. 
Heute packen alle an, denn es eilt.
Der Kinderhort muss in einer Woche fertig sein; Gemeinderat und Dorfälteste haben sich angekündigt. 
Und vor denen wollen sie sich doch nicht blamieren!
Es war die Idee der Mütter von Gonsé. Sie müssen morgens in die Savanne, Feuerholz holen, den Hirsebrei kochen. Und an zwei Wochentagen tragen sie das Gemüse zum Markt und verkaufen die Karitébutter und –seife, die sie mit Hilfe des KONVOIs produzieren.
Warum soll, was in der reichen Welt üblich ist, nicht auch in der armen funktionieren: Die Kinder an zwei Wochentagen im Hort abliefern, damit man freie Hand hat für die übrigen Dinge. In der patriarchalischen Welt Afrikas, wo die Frau schuftet und der Mann den Pascha spielt, ist das ein Fortschritt!
Unter Aufsicht von Lehrer Leonard und Marcel vom Bürgerkomitee meldeten Mütter aus fünf Ortsteilen ihre Kinder an, zunächst vierzig an der Zahl.
Jede Frau musste sich verpflichten, einmal die Woche, gemeinsam mit vier anderen, Kindergärtnerin zu spielen und die Kleinen zu betreuen.
Doch die Rechenaufgabe machte ihnen großes Kopfzerbrechen. Denn 5 x 7 Tage sind 35; doch da waren 40 Frauen, „fünf zuviel!“
Am Ende kamen sie zur salomonischen Einsicht: Die fünf sind ein ‚Puffer’: Es könnte ja immer mal eine krank sein… 
Lehrer Leonard und Marcel
Der internationale Club Soroptimist in Baden-Baden hatte 2000 € gespendet. Damit wurde ein kleines, verlassenes Haus umgebaut, es bekam zusätzliche Fenster, eine Flügeltür und ein neues Dach. Der Innenputz wurde erneuert und ein Zementfußboden gelegt. 
Wie sie das lieben: ein Gruppenbild!
Eine Woche später soll es nun losgehen. Doch der Schreiner ist mit den Möbeln nicht fertig geworden und der Maurer braucht noch ein paar Tage für das Schattendach.
Und plötzlich sind aus den 40 Kids über 60 geworden. Die Kunde vom fabelhaften „Kinder- Depot“ hat sich wie ein Lauffuer verbreitet und viele Mütter haben noch nachgemeldet. 
Größtes Vergnügen der Dorfbewohner ist das Feiern. Dem Instinkt folgend bin ich am Morgen bei einer Bäckerei vorbeigefahren und habe zwei Säcke voller Baguettes gekauft. Da Brot in Burkina Faso preisgebunden ist, eine große ‚Flöte’ kostet nur 0,25 €, war das billig. 

Doch ich hätte besser gleich zwanzig Säcke voll mitgebracht. Denn da ist das ganze Dorf versammelt: Mütter und Kinder, der vollständige Dorfrat, die fünf ‚weisen Männer’, der alte Marabu und zahllose Zaungäste.
Bin ich Hermes? Hundert Hände strecken sich mir entgegen, jeder will mich begrüßen, als wär ich der Götterbote.
Wer verrät mir einen Trick, diesem lästigen Ritual des ‚Alle-Hände-Schüttelns’ zu entgehen? Selbst Zweijährige halten mir schon ihre Händchen hin. Und die Dorfältesten wiederholen den Prankentausch gleich zwei oder drei Male.
Nun ist es schwer, die Dorfbewohner zum kollektiven Handeln zu bewegen. In der Not ist sich jeder selbst der Nächste und die Sippe geht allemal vor.
Doch in Gonsé ist es dank Lehrer Leonard gelungen, ein Wir-Gefühl zu schaffen.
Die Frauen bekamen von uns eine Werkstatt mit Solardach, wo sie gemeinsam Karitéseife fertigen und alphabetisiert werden. 
Mit Lehrer Leonard und dem Dorfrat
Auch für den Kinderhort haben sie ein ‚Wir-System’ gefunden: die rotierende Betreuung der Kinder durch die Mütter und die Einzahlung eines kleinen Startkapitals.

Einige schleppen Säcke mit Hirse und Bohnen an. Denn die Kinder sollen ein tägliches Essen bekommen.
Der KONVOI wird neben dem Haus und der Einrichtung zwei große Ökoherde stiften. So nimmt das Projekt ‚Bisongo’ einen guten Anfang. Und die Kinder sind gespannt, was da wohl kommen werde. 
Wie diese Zwillinge: Valentin & Valentine
Dr. Rolf Pflücke – November 2011