01.10.2011 | Savanne – wenn der Hunger nagt

Die Natur spielt verrückt. Zum Höhepunkt der Regenzeit im August fällt kaum ein Tropfen vom Himmel. Die Mais- und Hirsefelder sehen erbärmlich aus. Bild1 Hunger 09 11
Viele Getreidespeicher sind leer und alle warten sehnsüchtig auf die neue Ernte. Doch die wird dieses Jahr spärlich sein.                                                                              Wir sind auf dem Weg zu Leonard Kaboré, dem Freund und Lehrer in Gonsé, der sich in all den Jahren uneigennützig für die Dorfbewohner eingesetzt hat. Auch sein Speicher ist leer. Mit dem Gehalt von 160 € muss die Familie auskommen.Bild2 Hunger 09 11
Unterwegs begegnen wir der alten Mariam, die eine schwere Last auf dem Kopf trägt; wilde Bohnen und Feuerholz, darüber ein Kraut, das sie zur Suppe kochen wird. Ich stelle mir vor, diese einfache Frau mal zu ALDI oder LIDL zu schleppen. Wie würde sie angesichts unseres Überflusses reagieren?
Die Witwe hat eine sechsköpfige Familie. Für Hirse oder Reis ist kein Geld da; also muss sie sich jeden Tag was Neues einfallen lassen.
An einem Teich stehen Kinder mit seltsamen grünen Knollen, die sie im Wasser watend geerntet haben. Sie verzehren sie roh, mit Heißhunger, ihr ‚Frühstück’ an diesem Tag. Not macht erfinderisch.Bild3 Hunger 09 11Bild4 Hunger 09 11
Kinder ernten ‚Lotus’-Knollen im See – Nénupharen.Bild5 Hunger 09 11
Ein paar Meilen tiefer in der Savanne fachen zwei Buben ein Feuerchen an; sie rösten drei Maiskolben, die sie halb grün in einem nahen Feld geklaut haben; Mundraub wird nicht bestraft. In Hungerzeiten muss jeder sehen, wie er satt wird.Bild6 Hunger 09 11
Leonards Familie erwartet uns in der Hütte; ich setze mich zu ihnen. Der behinderte Henry ist immer aufgeregt, wenn er uns sieht. Die drei Mädchen sind Klassenbeste und der fünfjährige Lothar kommt nächstes Jahr in die Schule. Es sind gut erzogene Kids. Und wäre nicht Henry so früh an Kinderlähmung erkrankt – die Kaborés hatten kein Geld, ihn zu pflegen –, das bescheidene Glück wäre vollkommen. Der Älteste ist körperlich und geistig behindert und wird für immer ein Pflegefall bleiben.            Bild7 Hunger 09 11
Leonard geht zum Hof, der kleine Hirsespeicher ist fast leer. Und für eine Aussaat blieb ihm dieses Jahr keine Zeit; denn er braucht dringend eine neue Bleibe. Die Gemeinde fordert das Haus zurück, das sie seit 10 Jahren bewohnen; im Oktober müssen sie raus.
Die Not der Kaborés fand in Deutschland ein Echo. Großherzige Freunde um Peter Herold spendeten, der ‚Konvoi der Hoffnung’ legte was drauf; den Rest zum neuen Haus trugen wir selber bei.
Hilfe für e i n e Familie? Das entspricht zwar nicht unseren Prinzipien; denn im Mittelpunkt sollte ja stets das Gemeinwohl stehen und „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Aber Leonard unterstützt den ‚Konvoi’ seit Jahren wo er kann. Er lädt zu Treffen ein, überwacht den Bau der Frauenwerkstatt, sorgt für die Alphabetisierungs- und Gewerbekurse und tut seine Pflicht als Lehrer und Gemeinderatsmitglied. Bild8 Hunger 09 11Baustelle im JuniBild9 Hunger 09 11
Drei Mio. Franc, rund 5000 Euro kostete der Bau am Ende. Ohne Strom und fließend Wasser, doch mit viel Schweiß erbaut. Leonard zeigt mir wortlos die Schwielen seiner Hände, froh, nun das eigene Dach über dem Kopf zu haben. Aber es fehlt noch so vieles: Moskitofenster, Küchenkram, ein Schattendach vor der Tür, die Schlafmatten für die Kinder.
Aber vielleicht findet sich ja jemand, der ein offenes Herz hat…

Dr. Rolf Pflücke – September 2011.


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