21.07.2011 | Reise durch die Savanne
Gonsé, Bantougdo, Saaba In der Regenzeit droht manchmal die Welt unterzugehen: Sturm, Gewitter und Wolkenbrüche. Heute scheint nun wieder die Sonne und der Sandweg zu unseren Savannendörfern ist fast trocken. Nur die knöcheltiefen Pfützen erinnern noch an das Unwetter von gestern. Überall üppiges Grün; das Auge sieht sich kaum satt an den mächtigen Baobabs, den Affenbrotbäumen.
Auf den Hirsefeldern jäten die Leute Unkraut. Und Kinder bieten uns reife Kariténüsse an. Die werden im Juli geerntet und sind sehr nahrhaft. Sie helfen vielen über den Hunger dieser Wochen hinweg. Denn die Getreidespeicher sind jetzt leer; die neue Hirse wird erst im Oktober eingebracht.
In unserem Partnerdorf Gonsé sind die Frauen gerade mit der Verarbeitung der Nüsse zu Karitéseife beschäftigt. Zuletzt hat ihnen der ‚Konvoi der Hoffnung‘ eine Werkstatt hingestellt und eine Solaranlage aufs Dach gesetzt, damit sie in Abendkursen lesen und Schreiben lernen. Gleichzeitig zeigten ihnen Fachkräfte, wie man aus Kariténüssen Seife macht.
Wir lieferten das Startkapital, die Werkzeuge und Zutaten. Was zu Beginn noch schleppend ging, die Verarbeitung und der Verkauf, läuft im zweiten Jahr schon wie am Schnürchen.
Statt der einfachen Paste wollen sie diesmal Seifen machen, weil die Wertschöpfung eine bessere ist. Auf dem Markt bekommen sie für ein Stück Seife 300 Francs, 0,50 Euro. Das ist ein halber Tageslohn auf dem Land. Seither sind sie wie von einem Fieber gepackt. Denn keine der Frauen kriegt von ihrem Mann zu Hause Geld. Wie sollen sie ihre Kinder zur Schule schicken und Hefte, Bleistifte und Uniformen bezahlen? Nun wollen sie einen richtigen Gewerbeverein gründen, mit zwei Präsidentinnen, fünf Marktfrauen und zwei Sekretärinnen. Alle ehrenamtlich, versteht sich. Semest’aba soll er heißen, ‚Gute Zusammenarbeit’. Ob ihr kleiner Verein denn so viele Führungskräfte brauche, frage ich? Doch sie lassen sich da nicht beirren.
Bevor wir losfahren haben sie noch eine Bitte: Ob wir ihnen einen Kinderhort einrichten könnten, wo sie die Kleinen hinbringen, wenn zuviel Arbeit ist oder Markttag. In der Stadt soll es solche ‚Ki-Tas’ schon geben, das hat eine von ihnen gehört. Da die Gemeinde ihnen ein altes Haus überlässt, müssten wir nur für den Umbau und die Einrichtung sorgen.
Bald ein Kinderhort
Da kommt die Spende von Soroptimist Baden-Baden gerade recht. Als ich den braven Müttern von Gonsé von den selbstbewussten Frauen dort erzähle, die so anspruchsvolle Berufe (und Einkommen!) wie die Männer haben, steht vielen der Mund offen. Eigene Einkommen: Für die meisten Frauen in Schwarzafrika klingt das wie ein Märchen.
Aber in Europa werde es wohl so sein, sagen sie in Gonsé, ‚sonst würden uns die Damen doch keinen Kinderhort einrichten!“ Im Oktober wollen wir mit dem Umbau beginnen. Betreuung und Unterhalt wollen die Frauen selbst übernehmen. Aber für die Einrichtung, Möbel und Spielzeug werden noch Spender/innen gesucht.
Nächstes Ziel unserer Reise ist das Partnerdorf Bantóugdo. Dort wurde gerade das Frauenhaus fertig. Notre Trésor, „unser Schatzkästlein“, so nennen sie es. Für dieses Projekt hatte sich ja Judith Jungkind während ihres 2-monatigen Aufenthalts in Bantougdo stark engagiert. Künftig soll es für die Gewerbe- und Alphabetisierungskurse genützt werden, die gehen bereits ins dritte Jahr. In der acht Monate langen Trockenzeit wollen sie ihre Webstühle zum rasseln bringen.
‚Schatzkästlein’ Frauenwerkstatt
In der Nähe wird bald ein größeres Gebäude entstehen, die Mittelschule von Bantógodo. Das ‚Entwicklungshilfeministerium’ BMZ hat uns über BENGO, sein ‚Büro für private Träger’ großzügige Hilfe zugesagt – zwei Drittel der Baukosten! Der KONVOI finanziert den Rest. Im August soll es losgehen, denn die Schule muss im Frühjahr stehen. Unser Kollege aus Pforzheim, Stéphane wird sich um den Baufortgang kümmern.
Bauplatz der Mittelschule
Die Einwohner des Dorfes haben sich verpflichtet, 12.000 Arbeitsstunden beizusteuern. Das Prinzip ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ soll sich hier bewähren. Sie werden Sand ankarren und Ziegelsteine fertigen. Wir werden sehen, ob das klappt.
Früher nannte man es Entwicklungshilfe; heute spricht man von Entwicklungszusammenarbeit. Das Wort Hilfe ist politisch nicht mehr korrekt. Dabei drückt es aus, was in den meisten Fällen passiert: Die „Geber“ bauen Schulen, Werkstätten und Waisenhäuser; in den meisten Fällen tun sie es uneigennützig und durch den Einsatz idealistischer Menschen.
Doch was tragen die „Nehmer“ bei? Abgesehen davon, dass auch dieses Wort politisch nicht korrekt ist: Wie viel Eigenleistung bringen sie ein; wie stark ist das Wir-Gefühl, das Engagement einzelner für die Dorfgemeinschaft? Ich habe in Westafrika viele enttäuschende, aber auch sehr ermutigende Beispiele kennen gelernt. Die Quintessenz von ‚geben’ und ‚nehmen’.
Letzte Station unserer Reise durch die Savanne ist das Zuwandererdorf Saaba. Es hat wie die anderen Orte weder Strom noch fließend Wasser. Und nur eine kleine, privat erbaute Dorfschule, die wir im vergangenen Jahr auf vier Klassen erweiterten. Jetzt bauen wir eine fünfte an, sowie einen überdachten ‚Hangar’, in dem künftig die Mittelschule Platz finden soll.
Die Eltern der Kinder machen hier eifrig mit. Wir haben über 200 Müttern Energiesparherde besorgt und für ihre Abendkurse ein Solardach montiert. Der KONVOI bringt außerdem Reis für die Schulspeise und zahlt die Gehälter der vier Lehrer.
Zeugnis für die Klassenbeste
Das Schuljahr ist zu Ende, die Kinder bekommen an diesem Tag ihre Zeugnisse ausgehändigt und zur Stärkung je eine Banane. Ihre Mütter bereiten derweil in einem benachbarten Hof das Mittagessen vor:
Reis mit Fisch, dazu Somko, eine Art Hirsemilch. Ein Bild für Götter, wie sich die Kinder über die Töpfe hermachen!


Das letzte Körnchen Reis
Das Zuwandererdorf Saaba wird künftig unsere größte „Baustelle“ werden, dort mangelt es an allem. Denn die Kommune ist überfordert: Solange die Landflucht zunimmt und Hunderttausende jährlich aus der Savanne in die Stadt ziehen, ist private Hilfe die einzige Hoffnung. Doch wo fängt man nur an?
Den 100 Kindern von Saaba wollen wir zu Beginn des Schuljahres ein tägliches Essen geben. Die Mütter machen mit, zwei Energiesparherde stehen bereit. Schon mit 1000 € lässt sich das machen. Die Bänke für das neue Klassenzimmer werden 400 € kosten. Schulbücher, Bleistifte und Hefte für die Ärmsten noch einmal 500 Euro. Schön wären auch Spenden für den Bau der Mittelschule, der Hangar wird auf 8000 € veranschlagt.
Die Mädchen verabschieden uns mit einem ‚Perlhühnertanz’. Wir sind von soviel Anmut hingerissen. 
Verdienen sie nicht die gleichen Chancen wie unsere eigenen Kinder?
Dr. Rolf Pflücke, Juli 2011