04.06.2011 | Savannen-Frauen entdecken Selbstwert
Da stehen sie nun vor der großen Tafel und zeigen, was sie alles können. Dreißig Frauen aus dem Savannendorf Gonsé haben gerade den Alphabetisierungskurs abgeschlossen. Das vom KONVOI erbaute Haus dient ihnen als Werkstatt und Schule.
Schon können sie ganze Sätze in Französisch lesen, sowie dreistellige Zahlen addieren und subtrahieren.
Lehrer Armand hat in den Abendkursen während der achtmonatigen Trockenzeit tolle Arbeit geleistet. Fünf Frauen, sie waren den andern im Lernen voraus, gab er zusätzliche Schulung als Hilfshebammen.
Ihre Männer, die selber nicht lesen und schreiben können, sitzen an diesem Tag an meiner Seite in den hinteren Bänken und schauen der Prüfung verwirrt zu. Dass ihre Gattinnen mehr wissen als sie selbst mag einige misstrauisch machen. Zwar ist es gut, wenn die ihren schulpflichtigen Kindern bei den Aufgaben helfen können. Doch allzu viel Freiheit und Eigenständigkeit könnte die Frauen aufmüpfig machen, kommt also gar nicht in Frage!
Da die nun aber rechnen und schreiben können, wollen sie ihr Wissen auch zu Geld machen. Denn die Männer geben ihnen ja keines. Also verpflichten wir auf Kosten des KONVOIs zwei Gewerbelehrerinnen aus der Stadt, die zeigen, wie man aus Karité-Nüssen Seife macht. Die Herstellung von Karité-Butter hatten sie ja mit unserer Hilfe vor einem Jahr gelernt.
Diese ‚Butter’ (d.h. Creme) wird heute in aller Welt zur Schönheitspflege verwendet, weil sie die Haut nicht austrocknet, sondern mit Fett versorgt.
Warum also die wertvollen Karité-Nüsse aus der Savanne exportieren, wo man sie doch selber, Wert schöpfend, zu Seife verarbeiten kann!
Nach der Ernte werden die Früchte getrocknet, geschält und erhitzt; der Sud nach längerem Rühren mit Wasser verdünnt.
Dann setzen sich die Frauen zu meiner Verwunderung Mund- und Atemmasken auf und streifen Handschuhe über. Denn jetzt kommt „Chemie“ hinzu, Natrium und Kalium, sowie Kokos- und andere Fettsäuren. 
Stolz zeigt uns ein Mädchen das Endprodukt: siebzig duftende Seifenwürfel, in einem Arbeitsgang hergestellt. Auf dem Dorfmarkt lässt sich jeder für 300 Francs verkaufen, einen halben Euro. Das entspricht hier dem Tageslohn vieler Menschen.
Für die Frauen von Gonsé hat sich mit dem Bau der Schul-Werkstatt durch den KONVOI das Leben verändert. Sie halten endlich e i g e n e s Geld in Händen, können lesen, schreiben und dürftig rechnen. Und beim Unterricht und Seifensieden hatten sie viel Spaß mit einander. Mochte das den Paschas zu Hause passen oder nicht.
Beim Abschied die große Bitte, sie wagen sie fast nicht zu äußern. Ihr Herzenswunsch: ein Kindergarten, in dem sie die Kleinen nach Bedarf abgeben können, etwa an Markttagen, bei Krankheit oder wenn zuviel Arbeit auf den Feldern ist.
Um zu zeigen, was sie meinen, drehen sie sie sich schelmisch um und zeigen die Bündel auf dem Rücken. Fast jede hat ein Baby unter ihrem Wickelrock versteckt.
Familienplanung? In der Savanne bisher Fehlanzeige. Doch in Gonsé und anderen Dörfern könnte sich das bald ändern. Weil die Frauen hier ihren Selbstwert entdecken – und mit den Buchstaben und Wörtern auch ihre Rechte.
Dr. Rolf Pflücke, Mai 2011