12.05.2011 | Burkina Faso nach dem Kanonendonner

In der Savanne hat man von den Straßenkämpfen des Frühjahrs wenig gehört. Die trugen sich in Ouagadougou zu und in den anderen großen Städten. Doch ein paar Funken haben sich zu landesweiten Aufständen entflammt und deren wahre Ursachen sind auch in der Savanne zu spüren: La vie chère, die Teuerung der Grundnahrungsmittel, schmerzt den kleinen Hirsebauern ebenso wie den Arbeiter in der Stadt. Da es in den meisten Dörfer keinen Strom gibt und kein Fernsehen hängen die Männer täglich am Transistorradio. Die lokalen Sender bringen Nachrichten auch in den Stammessprachen Moré oder Fulbe. Und dann gibt es ja auch die „Buschtrommel“ unserer Tage, das Handy. Bantougdo Bild1 05 11
Wir sind an diesem Morgen unterwegs nach Bantóugdo, wo der dritte vom KONVOI bezahlte Alphabetisierungskurs zu Ende geht. Ein staatlicher Prüfer hat sich angesagt; ich bin gespannt, was die 30 Frauen in vier Monaten gelernt haben. Und ob das von Freunden am Rhein ererbaute Frauenhaus nun im Rohbau steht. Da deren Mittel nicht ganz reichten, wollen wir die Fertigstellung übernehmen.Bantougdo Bild2 05 11
Ein paar Frauen schleppen die neuen Schulbänke und -tische an, die wir im März in Auftrag gegeben hatten: maßgefertigt für fünfzig Erwachsene. Die Möbel erweisen sich als sehr nützlich; man kann ausgewachsene Leute ja nicht in Kinderbänke zwängen.
Bantougdo Bild3 05 11Der überdachte Hangar neben dem Frauenhaus ist an diesem Tag ein ideales Klassenzimmer. Tags zuvor hat nämlich ein Gewitterguss die heiße Erde abgekühlt; ein frischer Wind streicht über die Savanne. Die Regenzeit ist nah, die Baobabs, Affenbrotbäume, treiben schon ihre ersten Blätter.
Bantougdo Bild4 05 11Die Prüfung ist wahrlich nicht einfach, den Frauen rauchen die Köpfe. Kaum eine hat zuvor ihren Namen schreiben können, jetzt kritzeln sie alle munter in ihren Heften, addieren und subtrahieren vierstellige Zahlen, vervielfachen und teilen. Und sie haben nun Grundkenntnisse in Biologie, Geschichte und Geographie. Dass die eine oder andere zwischendurch ihr Baby an die Brust legt stört den Prüfer nicht. Er wartet geduldig bis es gestillt ist.
Bantougdo Bild5 05 11Im Schatten der Bäume neben der Krankenstation treffe ich mich später mit den ‚starken Frauen’ des Dorfes, um Bilanz zu ziehen. Margot und Salamata (li.) sind im Vorstand des örtlichen Frauenvereins und kämpfen für die Anliegen des weiblichen Geschlechts. Und die reichen in der Savanne weit: von der Einschulung der Kinder (und vor allem der Mädchen), über die Hygiene der Familie bis zur Ächtung von Zwangsheirat und Genitalverstümmelung.
Doch archaische Traditionen machen diese starken Frauen schwach und zwingen sie täglich in die Knie. Jede muss ihrem Mann wie eine Leibeigene gehorchen, von früh bis spät rackern, alle durchfüttern. Und wenn sie einen Alphabetisierungskurs besuchen will, dann nur mit der Einwilligung ihres Mannes.
Jedes Dorf hat per Gesetz einen Frauenverein und ein Bürgerkomitee: Eckpfeiler der entstehenden Zivilgesellschaft. Mit ihnen arbeiten wir zusammen, auch bei der Fertigstellung des Frauenhauses.
Aber warum zum Teufel hat sich der Maurer Daniel davongemacht? Seinen Kostenvoranschlag in Händen fahre ich durch das ganze Dorf und finde ihn schließlich auf einer anderen Baustelle. Bantougdo Bild6 05 11„Das ist mein eigenes Haus“, ruft er; „es muss vor der Regenzeit stehen!“
Da hilft nur Überredung. Die großen Regen kommen schließlich erst im Juni. Das Dach des Frauenhauses aber kann er mit seinen Männern an einem Mai-Wochenende aufsetzen – am besten gleich am nächsten! Und da er knapp bei Kasse ist verspricht er es. On verra!

Dr. Rolf Pflücke – Mai 2011


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