05.02.2011 | S.O.S. aus der Savanne
Am Handy ist eine verzweifelte Lehrerin: ihre Erstklässler hocken beim Unterricht auf dem blanken Boden; 
für Schulmöbel, Hefte und Stifte fehle das Geld. So mache ich mich auf den Weg nach Banguinsoma.
Eine sengende Sonne liegt über dem 3000-Seelen-Dorf in der Savanne.
Verstreute Lehmhütten und Hirsespeicher, da und dort ein ausgemergelter Esel. Die Trockenzeit treibt ihrem Höhepunkt zu, die Hitze auch.
Hinter den Karité-Bäumen tauchen ein paar heruntergekommene Häuser auf, das muss die Dorfschule sein.
Direktor Jean Bassinga kommt mir schon von weitem entgegen und stellt seine Lehrerinnen vor: Rosali, die anrief und Maimouna.
Die Kinder der 1.Klasse lernen gerade einfache Wörter lesen, jedes muss mal zur Tafel, und mit Hilfe des Zeigestocks buchstabieren.
Burkina Faso ist zu arm, um in all seinen Dörfern Schulen zu bauen. Die Leute in der Savanne bringen ja nicht mal zwei Euro Schulgeld (im Jahr) zusammen. Alle leben hier von heute auf morgen.
Draußen sind Eltern der Kinder mit dem Bau eines Schuppens beschäftigt. Ein seltenes Bild: Die Männer und Frauen errichten mit eigener Kraft eine Art Pergola; mit Hirsestroh bedeckt, ein Platz im Freien für die erste Klasse: Hilfe zur Selbsthilfe!
Die Hitze steigt im Frühjahr oft auf 45 Grad, in den Schulräumen wird es unerträglich schwül. Bis zum Beginn der Regenzeit im Juni unterrichten die Lehrer dann lieber draußen unter dem Schattendach.
Jean Bassinga ist ein ungewöhnlicher Mann. Seine Eltern waren so arm, dass sie ihn nicht zur Schule schicken konnten. Lesen und Schreiben brachte er sich selbst bei.. Er machte das Abitur und wurde Lehrer. Wenn er heute vor seiner vierten Klasse steht – 85 Schüler, dicht gedrängt – dann ist ihm bewusst, wie wichtig die Rolle als Lehrer hier in Westafrika ist. Dabei kann seine kleine Dorfschule nicht gerade als Vorbild gelten. Sie ist wie tausend andere fast mittellos und vom Staat abgeschrieben. Das Salär der Lehrer liegt oft unter 70 € im Monat. Seit sieben Jahren kämpfen sie für einen Schulbrunnen; doch der Bürgermeister hat kein Geld.
Eine Lehrerin führt mich zu ihrer Hütte, die „Toilette“ (mit dem Eimer für die ‚Buschdusche’) ist halb eingefallen. Die Frau muss ihr Morgenbad vor Sonnenaufgang nehmen, damit sie keiner sieht.
In den Hitzemonaten April und Mai gibt es dort Giftschlangen. Und die Reptilien schleichen sich auch in die Schule; letztes Jahr ist ein Kind an einem Schlangenbiss gestorben.
Was können wir da tun?
Wir werden an unsere großherzigen Freunde daheim in Deutschland appellieren, bestimmt finden sich Menschen, die bereit sind, zu helfen.
20 Schulbänke und –tische kosten 700 €, mit 100 € könnte man Hefte und Schreibzeug kaufen, mit weiteren 200 € die Lehrerhütten instand setzen. Beim Bürgermeister werde ich selber vorsprechen. Denn diese armen Leute haben unseren Einsatz verdient.
In gemeinsamer Arbeit bauen sie draußen das ‚fliegende’ Klassenzimmer fertig. Die Chefin des Elternvereins Marie Kaboré (Bildmitte) treibt alle an.
In Ouagadougou treffe ich tags darauf den Schulmöbelschlosser Sawadogo, eine Möbelfabrik auf der Straße. Wir sind uns schnell einig: Er wird diezwanzig Bänke und Tische in e i n e r Woche liefern. Metallrahmen mit Holzauflagen, zum Sonderpreis.
Der Mann hält Wort, das ist wohl das Geheimnis seines Erfolgs. Einige Tage später kommt er in seinem alten Mercedes vorbei: „Fini“! Am nächsten
Morgen werden die Bänke in die Savanne transportiert.
Die Lehrer wollen es nicht glauben und selbst Rosalis Erstklässler machen große Augen.
Sie rücken in den Bänken zusammen, denn der Raum ist eng.
Und dann singen sie ein Chanson zur Begrüßung. Von dem Weißen mit dem Schlapphut, der da eines Tages mit einem Lkw voller Schulmöbel anrückte werden sie noch lange reden. Zumal der dann auch noch zwei Leinensäcke aus seinem Auto holt, voll frischer Baguettes. 

Und dazu für jedes Kind einen Beutel Wasser und Brause.
Ich erinnere mich dabei lebhaft an die eigene Schulzeit auf dem Lande.
Diese Kinder kommen ja morgens schon hungrig in die Schule und halten den ganzen Tag tapfer durch.
Oft gibt es am Mittag noch nicht einmal Wasser. W i e sie das schaffen ist mir ein Rätsel. Die Lehrerin Rosali erzählt mir später, dass die meisten schon nach der dritten Stunde so müde sind, dass sie nichts mehr aufnehmen können. Aber der Wille, in die Schule zu gehen ist stärker als alle Entbehrung – und sei der Weg auch meilenweit.
KONVOI der HOFFNUNG – Jeder EURO kommt an!
Dr. Rolf Pflücke – 3.2.2011