22.12.2010 | Clarissas Lebenstraum

Samy hatte sie mitgebracht, der nette Typ vom Waisenhaus AMPO: „Das ist Clarissa; sie möchte Hebamme werden und macht gerade eine zweijährige Ausbildung im Hospital St. Hedwig, Ouagadougou“.Clarissa Bild1 12 10
Die 20-jährige hat ein sicheres Auftreten. Mein erster Eindruck: sie weiß, was sie will.
Doch sie ist immer wieder den Tränen nah. Ihre Mutter sei vor drei Jahren gestorben, der Vater sehr alt und gebrechlich. Er könne ihr kein Geld geben. Die Familie ist zu arm; und da sind noch neun, teils jüngere Geschwister.
Allein und mit kargen Ersparnissen hatte sie sich auf den 200 km langen Weg von Tougan am Rand der Wüste in die Hauptstadt gemacht. Dort lebt ihre Cousine Geneviève, die als Putzfrau bei den Franziskanerinnen arbeitet. Bei ihr fand Clarissa Logis. Das Apartment an der lauten Durchgangsstraße kostet 15.000 Fr. (25 €), den halben Monatslohn ihrer Base.Clarissa Bild3 12 10 Die Nachbarin.
Also ging die junge Frau erstmal jobben, verkaufte Obst und Telefonkarten an der Straße. Von einer Nachbarin hörte sie, dass überall im Land tüchtige Hebammen gesucht sind. Also bewarb sie sich beim Ausbildungs-Zentrum St.Hedwig“.Clarissa Bild2 12 10                     Hebammenschülerin Clarissa
Doch womit den Kurs bezahlen?
In ihrer Not ging sie zu AMPO. Doch die Leiterin des Waisenhauses, Katrin Rohde aus Hamburg, hat mehr als 300 Kinder zu versorgen. Da war nichts zu machen. Sie rief uns an, ob wir was tun könnten?
Wir haben auch schon viele große und kleine „Baustellen“: Behinderte, mittellose Studenten und verstoßene Frauen (so genannte „Hexen“).
Nun sorgten wir erst ein mal dafür, dass sich die ehrgeizige Clarissa für das zweite Ausbildungsjahr einschreiben kann; das Schulgeld beträgt umgerechnet 250 €. Samy bringt am nächsten Tag die Quittung – und Clarissa kann ihr Glück nicht fassen.
Als ich sie frage, wovon sie täglich lebe, holt sie einen Kessel aus der Ecke:Clarissa Bild4 12 10
halbtrockener Hirsebrei, das ist alles. Dazu Soße, morgens und abends stets
das gleiche. Für einen Job neben der Schule und einen Zuverdienst bleibt
ihr einfach keine Zeit. Sie steht um vier in der Früh auf und geht zwanzig
Minuten zum Bus. Die Fahrt zum Krankenhaus am anderen Ende der Stadt
dauert zwei Stunden. Und das Fahrgeld verschlingt ihr Letztes. Was tun?
Ein Moped wäre die Lösung – und vielleicht 60 Euro im Monat für Essen
und Benzin. Dann könnte sie im Juni 2011 ihre Abschlussprüfung machen;
so wäre dem ehrgeizigen Mädchen sein Lebenstraum zu erfüllen.
Hebamme! In Europa lächelt man darüber: braucht es die noch?
In Afrika aber entscheidet die Gegenwart einer Hebamme oft über Leben und Tod.
Denn wo es weit und breit keinen Arzt gibt und Fehl- oder Totgeburten als Werk der
bösen Geister gelten, wo allzu viele Mütter im Wochenbett sterben, kann eine Hebamme Leben retten. So lernt Clarissa in ihrer Ausbildung neben ‚Hygiene im Kindbett’ auch  Arzneien und deren Wirkung kennen, Komplikationen bei der Geburt, also Mutter und Kind das Leben zu erhalten.
Kaum ist der erste Teil dieser Geschichte unterwegs, spenden die Mitglieder der KAB Oberhausen dem KONVOI 250 € für Clarissa. Und eine weitere großmütige Seele aus Berlin will Clarissas Ausbildung übernehmen – samt Kauf eines gebrauchten Mopeds. Soviel spontanes Mitgefühl habe ich selten erlebt. Wie bringe ich es der jungen Frau nun ‚schonend’ bei?Clarissa Bild5 12 10 Die „Pflückes“ mit Clarissa und Sami.                                                                                    Als wir sie am Dritten Advent in ihrer Hütte besuchen und ihr die gute Nachricht überbringen weint sie vor Freude.
Sie hat sich von dem ersten Geld ihre Ausrüstung gekauft, Hebammen-Kleidung und Instrumente, ein Stethoskop, Handschuhe, ein Blutdruck-Meßgerät. Denn die Schülerinnen müssen im zweiten Jahr ihr eigenes „Werkzeug“ mitbringen. Stolz zeigt sie mir ihre Noten, sie sind ausgezeichnet.Clarissa Bild6 12 10
Dennoch wird man eine Gegenleistung von ihr fordern. Denn die Menschen hier gewöhnen sich schnell an fortwährende Hilfe. ‚Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Taten“, frei nach Goethe. Clarissa verspricht, sonntags und in ihren Ferien im Waisenhaus AMPO mitzuhelfen.
Kurz vor Weihnachten schauen wir wieder bei ihr vorbei. Clarissas Base Géneviève scheint ein Häuflein Elend. Die 10 000 Francs (15 €), die sie am Monatsende als Putze heimbringt, reichen nicht. Die E-Werke haben gerade den Strom abgestellt, weil sie nicht zahlen konnte. Nun möchte sie eine Garküche aufmachen, einen kleinen Stand an der Straße, wo sie zum Mittag Reis mit Soße anbietet. Damit ließe sich vielleicht das Loch in der Tasche stopfen. Als ich ihr später einen Sack Reis vorbei bringe ist sie außer sich vor Freude.
Clarissa Bild7 12 10                                      Généviève und der Reis
Mit Clarissa treffen wir diese Abmachung: Von der großmütigen Freundin
aus Berlin bekommt sie ein gebrauchtes Moped und jeden Monat genug für
Essen und Benzin (60 €). Doch nur bis zum Ende ihrer Ausbildung 2011.
Danach werden wir ihr eine Hebammenstelle in der Savanne besorgen.
Sie bringt mich zum Tor und ich stutze: Da hat der Hausbesitzer fein säuberlich
die ausstehenden Wasserschulden notiert: 1540 CFA (2,40 €) für Généviève und
Clarissa. Nicht viel – mit dem Hinweis: „Bis 31.12.“ Sonst Sperrung.Clarissa Bild8 12 10
Einblicke in eine fremde, gnadenlose Welt in der jeder Tag für Tag um sein Überleben kämpft. 90% aller Menschen leben hier von der Hand in den Mund. Keine Rücklagen, keine Ersparnisse, immer hart am Rande. Kaum einer hat hier eine Krankenversicherung.
Bei Unfall oder Gebrechen muss die Sippe einspringen – falls es die überhaupt gibt. Frühmittelalter pur – aber mit Handy.

Dr. Rolf Plfücke – Dezember 2010


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