10.12.2010 | Saaba – die fröhlichen Erdnussfrauen

Berge grüner Kugeln türmen sich entlang der Strassen. Melonenzeit! Saaba Bild1 12 10Kaum halten wir an, umringen uns die Frauen: ‚Mille Francs, Monsieur!“ Tausend CFA sind zuviel, doch sie handeln nun mal gerne. Am Ende nehme ich drei für 2000 Francs mit, drei Euro.
Die eine ist für Amadou in Saaba, der sich noch immer von seinem Oberschenkelbruch erholt. Die andere für Freund Prosper, den Schulgründer, der zu Hause fünf hungrige Mäuler stopfen muss.Saaba Bild2 12 10
Wer die dritte kriegt? In Afrika nimmt man immer ein Geschenk mit, das wird erwartet. Cadeau ist eines der Lieblingswörter hier. Ein paar Straßenkinder haben gerade Melonenschnitze ergattert und reißen ihre Sammelbüchsen hoch: Cadeau, Monsieur!
Wir wollen in Saaba, mal wieder nach dem Gang der Dinge sehen. Der kleine Ort an der Fernstrasse nach Niger wird seit zwei Jahren vom KONVOI ‚beliefert’. Ständig ist dort Not am Mann. Jetzt warten die drei Lehrer auf ihr Salär. Prosper hat eine neue Lehrkraft (Maîtresse) eingestellt und die ist ein echter Gewinn.
Unterwegs halte ich am Kramladen von ‚Gnork’. Dort kennt man mich schon, ich bin der ‚Weiße’ mit dem Hut. „Zwei Säcke Reis für die Schule von Saaba“. Die Kinder lernen nun mal besser, wenn es Schulspeise gibt.Saaba Bild3 12 10
Es ist Samstagmorgen und noch frisch in der Savanne. Prosper ist gegen acht aufgetaucht:
„On y va – fahren wir?“ Dieser Prosper ist wahrhaftig ein Idealist. Weil es im kleinen Zuwandererdorf Saaba, Heimat seiner Frau Valérie, keine Schule gab, hat er einfach selber eine gebaut. Drei Räume, luftgetrockenete Lehmziegel, unverputzte Wände, nackter Fußboden. Er musste dafür einen Kredit von umgerechnet 2000 € aufnehmen. Den möchte er mit dem kargen Schulgeld der Eltern nach und nach tilgen.

Saaba Bild4 12 10

Schulgründer Prosper
Der Staat lässt sich in Saaba nicht sehen. Die Einwohner sind vorwiegend arme Leute vom Land. Strom, fließend Wasser und Müllabfuhr gibt es hier nicht.
Wie viel die Eltern zahlen müssen? „15.000 Francs im Jahr“, zwei Euro im Monat. „Aber viele können sich das nicht leisten. Und schon gar nicht die zehn Cent für die tägliche
Schulspeise“.
Mit Beginn des Unterrichts im Oktober, zum Anfang der Trockenzeit, ist dank der großherzigen Spenden aus Deutschland der Anbau eines ierten Klassenzimmers fertig geworden.

Saaba Bild5 12 10

Die neue Lehrerin unterrichtet dort gerade.
Wir gehen von Raum zu Raum. Die Kleinsten im CP1 (Course Préparatoire) springen auf. ’Bonjour Monsieur LeBlanc!“ Sie wachsen daheim mit ihrer Stammessprache Moré auf und lernen nun die ersten Worte Französisch.Saaba Bild6 12 10
An der Tafel steht, wie viele an diesem Tag zum Unterricht gekommen sind. Mir fällt auf, dass in einer Klasse zwei Drittel der Kinder Mädels sind. Als ich neugierig nach dem Grund frage streckt eine Kleine den Finger: „Die Buben kommen nicht, weil sie alle zu faul sind!“ Voilá!Saaba Bild7 12 10
Freilich: die Jungen müssen schon früh malochen, mit dem Vater zum Markt oder auf’s Feld. Schule ist hier Luxus! Noch immer sind 86% der Frauen in Burkina Faso und 66 % der Männer Analphabeten.
„Wie viele seid ihr in Deiner Familie?“ frage ich ein Mädchen. Sie zögert einen Augenblick: „Fünfundzwanzig!“ Da ist selbst die Lehrerin überrascht.. ‚Ich werde das mal überprüfen,
Monsieur!“ Doch bei der hier üblichen Lebensform, Eltern und Großeltern, Onkel und Tanten, deren Kinder und Enkel, in  e i n e m  Gehöft wundert mich das nicht. Entsprechend viele ‚grand’ und petit fréres’, ‚große’ und ‚kleine Schwestern’ hat dann ein Kind. Wir würden Vettern oder Cousinen sagen.
Draußen bleibt Prosper vor einem Gemäuer stehen, tausende von Plastiktüten liegen da herum. Wie schon berichtet sammeln die Frauen die leeren Wasserbeutel entlang der nahen Fernstraße, reinigen und ‚recyclen’ sie. Für zehn Kilo Tüten kriegen sie rund 2 Euro 50. Ihr stolzer Gewinn!

Saaba Bild8 12 10
„Das sollte mal die Oberschule werden“, sagt Prosper; „aber das Geld reichte nicht. „Wenn ich könnte, würde ich auf diesen Grundmauern eine große, offene Halle errichten; zehn Pfeiler, ein paar Zwischenwände und Schulbänke. Drei Klassen, das wäre ein Anfang.“
Da jedes Jahr neue Kinder angemeldet werden will er den Begabtesten eine Perspektive geben. „Wer in der Grundschule gut ist sollte weitermachen können. Die Hauptstadt ist nah, dort gibt es Universitäten und gute Chancen. Diesen Anreiz soll die Oberschule geben.“ Ob sein Traum zu verwirklichen ist?
Ich erzähle ihm von einem großherzigen Freund in Deutschland, der „eventuell“ bereit wäre, mit umgerechnet 2000 € seine Hypothek auf die Grundschule abzulösen. Er solle mal zur Bank gehen und fragen, wie hoch die noch ist. Ihm stockt der Atem: „Machst du Witze?“ Drei Tage später wird er mit einem Zettel kommen: Restschuld 960.000 CFA – 1.500 €.
Aus Erfahrung mache ich in Afrika keine allzu großen Verspechen. Viele verstehen die Großzügigkeit falsch und gewöhnen sich schnell daran. So bleibe ich auch bei Prosper zunächst im Konditional: „Wenn der Freund in Deutschland also deinen Kredit übernähme – ich sage wenn – dann würdest du doch sechzig Euro im Monat für die Bank sparen, hättest also in einem Jahr rund 700 € plus. Diese und die 500 € ‚Überhang’ von dem Freund und du könntest die Halle beginnen!“ Ihm blieb die Spucke weg. Saaba Bild9 12 10Da jedes große Vorhaben eine Feier verdient, gehe ich hinüber zum Erdnuss-Stand von Mariam und bestelle sechzig Beutel Nüsse für die Kinder. Zwar hatte ich eigens zwei Säcke Reis mitgebracht. Doch mit der Schulspeise wird es heute eh nichts mehr, Wochenende.Saaba Bild10 12 10Knabbernüsse für die Kinder. Prosper kurbelt beim Wegfahren die Scheibe runter: „Ca va?“. – „Oui!!“
Die Erdnussfrauen schenken uns zum Abschied ihr schönstes Lachen. Saaba Bild11 12 10

Klar: sie haben ein tolles Geschäft gemacht.

Dr. Rolf Pflücke – Dezember 2010.


Aktuell

Nachrichten-Abo

Bleiben Sie auf dem Laufenden – per
E-Mail-Abo, Twitter oder RSS-Feed: