07.10.2010 | Hier packen’s die Frauen an!
In den Dörfern der Savanne hat die Woche ihren eigenen Rhythmus:
alle fünf Tage ist Markt, für die meisten Frauen ein Sonntag, der Abwechslung bietet. Sie treffen sich, tratschen, bringen Gemüse, Getreide oder auch Handarbeiten zum Verkauf - glücklich, ihren ‚Machos’ daheim für einen Tag zu entkommen.
Schließlich sorgen ja s i e und nicht die Männer für das Wohl der Kinder. Mit dem Markt-Erlös kaufen sie jetzt zum Beginn des Schuljahres die Utensilien für den Unterricht, Schiefertafeln, Kreide, Hefte und Stifte, Schuluniformen nicht vergessen.
Am Rande des Markts treffe ich mich mit Laurent, dem Leiter des CvD (Bürgervertretung) und den zwei Wortführerinnen des Frauenvereins, Mmes Salimata und Sophie.
Der KONVOI-der-Hoffnung unternimmt Anstrengungen, dem Dorf eine Oberschule zu bauen, doch die kostet viele Zehntausend Euro und will sauber geplant sein. Zuletzt hatten wir einem Dorfbezirk – Tangondin – zu einem neuen Brunnen verholfen. Ich würde ihn gern fotografieren – aber nach den letzten heftigen Regen ist an diesem Tag nicht hinzukommen.
Die Frauen möchten nun im November den letzten Teil ihrer Alphabetisierung beginnen, ergänzt durch weitere Kurse im Weben und Karité-Seife Kochen. Und es kommen viele Augenkranke und bitten um eine weitere ärztliche Versorgung. Viele haben den Grauen oder gar Grünen Star und Trachome, die bis zu Erblindung führen. Wir werden sehen, was sich da machen lässt.
Auch im nahen Gonsé erwarten sie mich an diesem Nachmittag, um für die bevorstehende Trockenzeit zu planen. Erst wenn die Regen enden, also im Oktober, und die Ernte eingebracht ist haben die Menschen Zeit, auch mal an sich zu denken. In Gonsé hilft uns stets der umtriebige Lehrer Leonard; er sitzt im Regionalrat, hat tausend gute Kontakte und versteht es, die Leute zu mobilisieren.
An diesem Tag kommt er in Sakko und Krawatte auf seinem Moped angedüst:
Von einem Treffen zur Vorbereitung der nächsten Präsidentschaftswahlen am
11. November. (Blaise Comparé, ein ehem.Offizier, ist seit über 20 Jahren an der Macht. Trotz vieler Reformen geht es kaum voran. Burkina liegt auf Rang 177, dem fünftletzten der UN-Entwicklungsskala. 70% des Staatshaushalts stellen die Geber-Länder, drei Viertel der Bewohner sind Analphabeten. Eine Änderung des Wahlrechts verpflichtet jetzt alle, sich einen Personalausweis zu beschaffen, damit sie eingetragen werden und wählen können.)
Monsieur Leonard zeigt uns den ‚Petit Mil’, eine Hirsesorte, die für den tägl. Brei – den Tó – geschrotet wird.
Dann hocken wir mit dem Dorfrat im Schatten des Karité-Baums. Auch hier bestimmen die Männer, wo es lang geht. Aber die Frauen fassen immer mehr Mut. Seit sie ihre Alphabetisierung bebegannen und vom KONVOI mit Ökoherden (und einer Anleitung zum richtigen Kochen) beschenkt wurden geht es in Gonsé voran.
Auch für diese Frauen ist so eine Versammlung Flucht aus dem Alltag:
Mal wieder hören, was sich so tut, mit welchen Plänen ‚Le Blanc’ (der Weiße) diesmal kommt – und was sich da durchsetzen lässt. Der Chef des Bürger-Komitees ruft eine der jungen Damen auf; sie solle mal ihre im ersten Kurs gewonnenen Rechenkünste zeigen. Sie erhebt sich und beginnt: „Zweimal zwei ist vier; zweimal vier ist acht; zweimal acht gibt sechzehn“. Bei 32 endet sie, weiter reichen die Kenntnisse noch nicht.
Der zweite Kurs (von dreien) soll nun im November beginnen. Und alle vierzig Frauen sind wieder dabei. Ob es den Männern – in ihrer Mehrzahl auch Analphabeten – nicht mulmig wird? Ich vermeide es, die Frauen über den grünen Klee zu loben; das macht die Herren der Schöpfung stutzig. Stellt ihre Allmacht in Frage stellen. Aber ich sage ihnen, wie gut uns die Mitwirkung beider Seiten an den Projekten gefällt.
Im September haben wir begonnen, mit Hilfe des KONVOIs ein ‚Centre de Formation’ zu bauen, ein Gemeinschaftshaus, in dem die Kurse künftig stattfinden sollen. Dort ist auch Platz für die Webstühle und Lehrmaterial. Der Rohbau steht; bis Mitte Oktober wird das Dach drauf sein, dann kommen die Fenster und Türen. Und zum Beginn der Schul- und Gewerbekurse im November soll ein Fest steigen. Die Einweihung mit Tamtam und Tänzen.
Ich muss den Frauen versprechen, dann mit einem Sack Reis anzurücken, Hühnchen, Soßen und Gemüse wollen sie selber beisteuern. (Mein Magen ist mittlerweile resistent!)

Für die Seifenherstellung haben sie schon ordentlich gehamstert. Sie zeigen mir ihre Vorräte im Nebenraum der Schule: gut 140 Kilo Karité-Nüsse, im Laufe der Wochen in der Savanne gesammelt. Und da der Marktpreis stetig steigt – zuletzt von 0,60 auf 0,80 € / Kilo – ist das eine Gewinn bringende Anlage, zumal die Wertschöpfung noch aussteht. Auf dem Wochenmarkt werden ihnen die Seifen aus der Hand gerissen.
Am Ende statte ich dem kleinen König von Gonsé, dem Herrscher über die umliegenden Dörfer, einen Höflichkeitsbesuch ab. Er empfängt mich stets wie einen Freund. Tage zuvor ist dem Naaba, er ist Christ, eine von vier Frauen an Malaria gestorben. Ich spreche ihm mein tiefstes Beileid aus.
Der kleine König verfolgt die Arbeiten des KONVOIs mit wachem Auge und viel Sympathie. Er lädt uns wie schon im Vorjahr zu seinem Traditionsfest im Januar ein, zum Höhepunkt der Trockenzeit.
Auf dem Weg zurück nach Ouagadougou sehe ich überall Frauen im Schatten der Bäume hocken; sie sind bei der Bohnen-Ernte.
Ein kleines Bündel, das da rum liegt, weckt meine Neugier: Ein Baby, tags zuvor geboren – und schon im Feld dabei. Ich drücke der Mutter ein kleines Geschenk in die Hand: sie hat gerade mit ihren anderen fünf zu tun. Die Großmutter zupft derweil Bohnen. Afrika zeigt, wie einfach das Leben ist. Das Zur-Welt-Kommen ebenso, wie das Sterben.
Hier sind einige erfolgreich abgeschlossene oder laufende Projekt von 2009 und 2010 in Bantougdo und Gonsé:
- Umbau der alten, verlassenen Schule in ein modernes, dreiklassiges Gebäude (Collège);
- Spende: Mercedes (gebraucht) als Ambulanz;
- Schulspeise und große Herde; 300 Energiesparherde für die Frauen (Bantougdo + Gonsé);
- zwei augenärztliche Versorgungen und OPs mit über 40 Patienten;
- Entbindungsbett für die Maternité;
- mehrere Wasserfilter; Solardächer für Schulen;
- Solardach für Krankenstation (Licht bei Nacht)
- Hilfe beim Bau mehrerer Brunnen;
- Aufforstung, Eukalyptusbäume
- Alphabetisierung Frauen Kurs I und II
- Lehrgang Weben plus fünf Webstühle samt Wolle und übrigem Material;
- Lehrgang Karité-Seife kochen;
- zwei Esel samt Karren für arme Familien;
- ein Schulungshaus / Werkstatt für Frauen
Rolf Pflücke © Oktober 2010