04.10.2010 | Saaba – die ehrgeizigen Mädchen
Die Regenzeit ist vorbei und die Bohnen-, Hirse- und Maisernte wird eingebracht. Dieser Sommer war so nass wie schon lang keiner mehr; also können sich die Bauern auf volle Speicher freuen.
Das ist auch für ‚unsere‘ drei Dörfer ein Segen. Denn ein Teil der Ernte wird auf den Markt gebracht; die Eltern nehmen ein bisschen Geld ein und können ihre Kleinen zur Schule schicken. 
Zwanzig Kinder sind diesmal zur Einschulung angemeldet. Ich bin verblüfft: es sind überwiegend Mädels. Da ist eine stille Revolution im Gange. Denn bisher galt: Mädchen heiraten eh und kriegen Kinder, was nützt ihnen also die Schule. Doch vor allem ihre Mütter, von denen kaum eine lesen und schreiben kann, kämpfen heute dafür, dass die Mädchen eine Ausbildung bekommen.
Doch die Dorfschule ist zu klein, es muss angebaut werden. Der Kostenvoranschlag: rund 600 €. Ein Maurer aus dem Dorf kriegt den Zuschlag und macht sich zwei Wochen vor Schulbeginn ans Werk. Ob das zu schaffen ist? Er rührt Mörtel an, formt seine eigenen Ziegel und trocknet sie in der Sonne. Das Fundament: rundum solide Zementblöcke.

Ein paar Tage später stehen schon die Grundmauern. Adja, die Chefin des Frauenvereins, sorgt dafür, dass es voran geht. Anfang Oktober soll das Dach drauf sein, kann auch der Unterricht beginnen. Türen und Fenster kommen später dran: Wir sind in Afrika!
Als ‚Starthilfe’ bringe ich einen großen Ökoherd mit, samt passendem Topf und drei Säcken Reis.
Freund Prosper hat bereits eine Köchin verpflichtet; sie soll dafür sorgen, dass die Kinder täglich ein warmes Mittagessen kriegen. Nichts Tolles, mal Reis-, mal Hirse mit Soße. Und Edouard, der vom KONVOI ein Eselgespann bekam, schafft zweimal pro Woche frisches Wasser heran. In vielen Dörfern der Savanne gibt es bis heute keine öffentlichen Schulen; der Staat ist zu arm. In Saaba hat Prosper, der selbst Gymnasiallehrer ist, vor drei Jahren die kleine Privatschule gebaut und dafür einen Kredit von 2000 € aufgenommen. Den stottert er mit dem Schulgeld der Eltern (15 € / Jahr) noch immer ab. Von den Einnahmen muss er die Lehrer bezahlen und deren Unterrichtsmaterial. Wir legen etwas drauf – und so reicht’s auch für Schulbücher, -hefte und Stifte. Die Kinder machen große Augen. 
Für die neue 1.Klasse wurde eine Lehrerin verpflichtet, Frau Salimata. Ihr Salär: rund 70 Euro/Monat. Das klingt wie ein böser Scherz, liegt aber über dem Durchschnittsverdienst in Burkina Faso.
Vierzig Frauen, die lesen und schreiben lernen wollen haben sich für den Alphabetisierungskurs-I angemeldet. Der soll im Januar starten und drei Monate dauern. Dank der Solarpaneele auf dem Schuldach gibt es ja Licht; den Müttern bleibt eh nur der Abend, wenn ihre vielfältigen Arbeiten im Haus und auf dem Feld erledigt sind.
Am 1.Oktober geht im ganzen Land der Unterricht an. Mal sehen, was sich in Saaba tut. Der Maurer wartet auf ‚Nachschub’ für das Dach: knapp 300 €. Da er nur Moré spricht muss Lehrer Busouga übersetzen: Fünf Balken, 12 Eisenklammern, 23 Wellbleche, ein Fenster und die Tür.

Ich staune nicht schlecht: vor dem Lehrerhaus haben die beiden Köchinnen den großen Eisenherd angeschmissen, Reis gekocht und mit einer leckeren Erdnußsoße gemischt. Da stehen sechzig Kinder mit ihrem Blechgeschirr an und kriegen an ihrem ersten Schultag gleich was zu essen. Das soll sie und ihre Eltern motivieren: wer schwänzt kriegt nichts. Mal sehen, ob es hilft.
Zum erstenmal Schulspeise…
Ob ich beim Unterricht ‚Mäuschen’ spielen darf? Die neue Lehrerin hat nichts dagegen. Aber: das Klassenzimmer ist ja fast leer –und ohne Möbel! Weder ein Pult noch Bänke und Tische. Und Frau Salimata, eine allein erziehende Frau, unterrichtet im Stehen – und mit dem Kind auf dem Arm. 
Immerhin: Ich sehe viele glückliche Gesichter – nicht nur bei den Kindern auch bei Müttern und Lehrern. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich Gemeinsinn und Zusammenhalt mit Ausdauer schaffen lassen, gerade in so einem armen Dorf wie Saaba.
Hier die Erfolgsbilanz des ‚Freundeskreis Peter Herold‘ in Zusammenarbeit mit dem Konvoi der Hoffnung 2009 und 2010 für Saaba:
2 kleine Lehrerhäuser gebaut
240 kleine Energiesparherde angeschafft
Ökoherd und Kessel für die Schule gekauft Solaranlage auf dem Schuldach für Frauenalphabetisierung
Esel + Karren für Edouard
Arbeit für Dorf: Wasser, Müll-Recycling
Anbau Klassenraum, Lehrmaterial,
Reis-Rationen zum Schulbeginn.
Rolf Pflücke © – 30. September 2010