24.08.2010 | Drei ausgekochte Schlitzohren
Zufall oder Hokuspokus? Vor der verlassenen kleinen Dorfschule von Saaba (Burkina Faso) – in Ferien bis Mitte September – hockt an diesem Morgen zunächst nur Lehrer Bussuga. (Er hofft wohl auf seinen Lohn für Juli und August; doch dafür ist Schulgründer Prosper zuständig).
Kaum sind wir da, lenkt dieser, aus der Hauptstadt Ouagadougou gekommen, das Gespräch auf das „dringend nötige“ vierte Klassenzimmer. Zum neuen Schuljahr sei mit vierzig Erstklässlern zu rechnen; für so viele ist einfach kein Platz. Mme. Adja, die Leiterin des Frauenvereins, die hinzu kommt, stimmt lebhaft zu.
Die Schlitzohren von Saaba!
Als ich die Runde bitte, für so ein wichtiges Projekt wie den Anbau eines Klassenzimmers doch bitte einen Kostenvoranschlag einzuholen, ohne den gehe es nun mal nicht, kommt wie aus heiterem Himmel der Dorfmaurer hinzu, in der Hand einen beschriebenen Zettel: Für 600 Euro wolle er den Anbau machen. Mit zwei Fenstern und einer Eisentür.
Ich staune: diese Schlitzohren sind geweckter als es die Polizei erlaubt. Ich schlage vor, dem KONVOI Bericht zu machen; ihr Wunsch werde wahrscheinlich erfüllt. Als ich frage, ob denn auch ein fähiger Lehrer für die neue Schulklasse zu finden sei zieht Prosper eine Akte aus der Tasche: „Da hat sich schon eine tüchtige Frau beworben, sie wohnt nicht weit von hier“.
Lehrerin auf „standby“ Kaum hat er das gesagt, hält ein Fahrrad an, eine junge Dame steigt ab und stellt sich als eben diese „Lehrerin Marie Sylvie“ vor. Ratzfatz. Wenn alles so zackig ginge in Afrika, hätte der Kontinent keine Entwicklungsprobleme.
Die Leute von Saaba sind pfiffig: Sie haben bei unserer Ökoherdkampagne im Frühjahr kräftig zugegriffen und sparen nun viel Holz beim Kochen. Den glücklichen Empfänger eines Eselsgespanns, Monsieur Edouard (vgl. Bild neben der Lehrerin), haben sie verpflichtet, einen Tag in der Woche für die Dorfgemeinsaft zu fahren: Wasser ankarren, Müll beseitigen.
Dass sie freilich während der Ferien die Schule besetzen und dort ihr „Tütenrecycling“ betreiben, verwundert mich schon. Klar, in der Regenzeit brauchen sie eine wasserdichte Werkstatt.
Der Umwelt zuliebe – und dem kleinen Verdienst – Plastiktüten-Recycling
Aber – wen haben sie denn um Erlaubnis gefragt? Viele von ihnen sind ganz verrückt auf den ersten Kurs in Erwachsenen-Alphabetisierung, der im November beginnen soll.
Die Männer haben angeblich schon ihre Zustimmung gegeben.
Apropos Männer: der von Frau Adja, Leiterin des Frauenvereins, liegt noch immer mit seinem Oberschenkelbruch in der Koje hinterm Haus. Amadou (53) ist dennoch guter Laune. Ein Quacksalber im Dorf hatte ihm den Bruch notdürftig eingerichtet; das war im April. Doch dann wuchsen die Knochen aneinander vorbei. Er wurde noch einmal – von
italienischen Ärzten – operiert. Nun sind zwei weitere Monate vergangen und Amadou ist weiter guten Mutes. Ein schreckliches Spanneisen fixiert nun seine Knochen. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Am 9.September wird das nächste Röntgenbild gemacht und er hofft, im Oktober wieder gehen zu können. Sechs Monate hat ihn die Fraktur schon gekostet.
In Europa wäre das eine Sache von drei Wochen. Immerhin humpelt er jetzt mutig auf seinen Krücken herum – der Rest, sagt er, werde „nach Gottes Willen“ geschehen.
Er hat seinen Namen verdient: „Gottlieb“ mit dem Spanneisen im Oberschenkel.
Apropos lieber Gott: Als wir Saaba verlassen begegne ich Ephraim, dem ‚Bibeldiener’, ich nenne das mal so. Ein Mann wie ein Baum: 1,95 m groß und Schuhgröße 48. Bisher meinte ich, er lebe von den Früchten des ewigen Heils. Nun sehe ich ihn einen Karren schieben, drauf ein Plastikstuhl und Handwerkszeug; sowie ein Radio mit krächzenden Lautsprecher.

Wohin sein Weg führe? Nun, er sei eigentlich gelernter Schuhmacher und unterwegs zum Markt. Die Bibel habe er im Werkzeugkasten versteckt, doch bei ‚frommer Kundschaft’ hole er sie stets heraus.
Die Regenzeit entlädt sich mit voller Wucht; kaum ein Tag an dem nicht pechschwarze Wolken aufziehen. Die Hitze wird unerträglich und plötzlich bricht es mit Urgewalt los. Viele Straßen in der Stadt verwandeln sich in Seenplatten; wie tief die Schlaglöcher dann sind ist dem Instinkt überlassen.
Auf den Feldern stehen Hirse, Mais und Maniok sechs Wochen nach der Aussaat in vollem Saft. Die Bauernfamilien sind vollauf damit beschäftigt, Unkraut zu jäten und das Vieh von den Äckern fernzuhalten.
Hirse-Aussaat
Lehrer Leonard aus Gonsé kommt vorbei. Schelmisch zeigt er mir die Handflächen: „Gardez!“ Sie sind voller Schwielen. Auch er beackert jetzt die Felder hinter dem Haus. Er hat in der Stadt zu tun und bringt den Kostenvoranschlag für die Fertigstellung des ‚Ateliers’ (Werkstatt) mit. Nahe der Schule steht ein Rohbau, Grundfläche 5 x 7 Meter,
geeignet für jede Art von Gemeinschaftstreff, sagen wir für ein Vereinsheim. Das möchten sie nun mit KONVOI-Hilfe fertig stellen: ein Dach drauf, fünf Fenster und eine einbruchsichere Eisentür. Wenn das Geld reicht vielleicht noch eine Solaranlage oben drauf, 40 Watt, vier Energiesparbirnen.
Rohbau für eine Werkstatt.
35 Frauen würden hier aber Oktober abends Lesen und Schreiben lernen, Weben und Karitéseife und –butter herstellen. Sie haben dafür schon über 200 Kilo auf Nüsse gesammelt.
Und die Männer könnten dort mit dem gespendeten Schreiner-Werkzeug aus Deutschland ihre eigenen Möbel basteln. Der Kostenvoranschlag beläuft sich auf 1,5 Mio. Francs – rund 2.200 €. Knapp ein Zehntel davon könnten sie selber beisteuern, runde 200 €. Und ihre Mitarbeit, dem Maurer zur Hand gehen, Steine schleppen und Wasser. Gebraucht werden drei Lastwagen Sand, 500 Ziegel und 3 Tonnen Zement. Zum Ende der Regenzeit im Oktober wäre das ‚deutsche Haus’ fertig. Dann beginnt in der Dorfschule drüben wieder der Unterricht, können die Klassenzimmer dort nicht mehr zweckentfremdet werden.
(Dr. Rolf Plfücke – 17.8.2010)
