23.06.2010 | Gonsé – starke, schwache Frauen
Sie warten schon im Schatten des Karitébaums auf mich:
Der kleine König, sein Dorfkomitee (lauter Männer) und ein Dutzend Frauen. Dazu Lehrer Leonard, der den Dolmetscher (Moré – Frz.) und Wortführer spielt. Die Regenzeit hat früh eingesetzt. Die Kinder müssen noch täglich in die Schule, auf den Feldern fehlt ihre Hilfe. So haben nur wenige Familien mit der Aussaat begonnen. 
Es ist die kritischste Zeit im Jahr in Burkina Faso: die Getreidespeicher hinter den Hütten sind leer, die Leute müssen sich ihr ’täglich Brot’ auf dem Markt kaufen, vielen fehlt dazu das Geld. Und wer noch etwas Hirse hat, teilt sie mit den Verwandten.

Vor der nahen Mühle warten Frauen mit kleinen Körnersäcken auf ihren Mahlgang. Den ganzen Tag nur die eine Sorge: wie schaffen wir es bis zu nächsten Ernte; wie kommen wir über die Runden?

Hirsemühle – Hochbetrieb
Seit unserer Ökoherd-Aktion im Februar haben es die Frauen wenigstens im Haushalt leichter: sie müssen nur noch halb soviel Feuerholz wie früher kaufen. 270 Eisenherde wurden damals mit Unterstützung des KONVOIs verteilt. Doch es gibt noch viele Familien, die nicht zum Zuge kamen.
Die Phase I der Frauen-Alphabetisierung ging mit Erfolg zu Ende; die Prüfer stellten den‚Schülerinnen’ durchweg gute Zeugnisse aus. Für ihr Lehrmaterial, Bücher, Hefte, Schreibstifte und Tafeln, haben sie selber gesorgt. Ein Lob für Lehrer Leonard, der sich um alles kümmert und übrigens auch ihr Vertreter der Kommune im Regionalrat ist. Dabei hat Leonard eine große Familie zu füttern: den kleinen Luter, die Zwillingsmädchen, die 14-jährige Barbara und den behinderten Harry, ihr Sorgenkind. Aber seine Frau kämpft neben ihm wie eine Löwin; sie kümmert sich um den Gemüsegarten, braut Hirsebier und trägt es zum Wochenmarkt. Und sie schickt ihre Kinder täglich zur Schule, eine Musterfamilie.
Die sieben tapferen Kaborés
Leonard führt mich zu seinem Hirsespeicher: auch der ist fast leer. Doch mit Fleiß und Cleverness schaffen sie es, die Ihren vor Not zu bewahren. Sein Lehrergehalt ist schmal und im Regionalrat kriegt er nur eine kleine Aufwandsentschädigung.

Leonard am Hirsespeicher
Mit dem König und dem Dorfrat besprechen wir im Schatten des Karitébaums die nächsten KONVOI-Aktionen. Die Frauen möchten neben der Alphabetisierung auch Unterricht im Weben und Seifekochen. Ihr Traum: in der langen Trockenzeit einen guten Nebenerwerb zu haben, um die Kinder durchzubringen.
Als Leonard die Wortführerin bittet, uns ihr Anliegen vorzutragen, versagt ihr erst mal die Stimme. Eine zweite fasst Mut und springt ihr bei.

Starke, schwache Frauen
Frauen haben nun einmal hier in Gegenwart von Männern nichts zu sagen! Sie sind dazu erzogen, zu schweigen und zu dienen. Ich bin fassungslos, wenn diese Frauen beim Dorffest auf den Knien anrobben, um den Männern die Kalebasse mit dem Hirsebier zu reichen. Oder wenn sie den Herren der Schöpfung das Essen servieren und doch selbst keinen Bissen nehmen.

Der soziale Wandel geht langsam, dauert oft Generationen. Viel langwieriger aber ist es, solche archaischen Grundhaltungen oder Geschlechter-Rollen zu verändern. Dafür braucht es wohl ein Jahrhundert – oder eine gewaltsame Revolution.
Da die meisten Hirsespeicher jetzt leer sind sah sich das Ministerium in Ouagadougou veranlasst, den Schulkindern bis zum nahen Ferienbeginn Hirse- und Reislieferungen zu schicken.
Am Ende unseres Treffens lobt Leonard einen Esel samt Karren aus, den der ‚KONVOI’ einer armen Familie schenken will. Die Wahl fällt auf die Sprecherin der 35 Frauen, Fati und ihren Mann, weil die sich vorbildlich für die anderen einsetzen. Alle sind damit einverstanden; selbst der kleine Häuptling, der die ganze Zeit nur würdevoll und still dabei saß.
Fati will dafür sorgen, dass ihr Fuhrwerk künftig der ganzen Dorfgemeinschaft dient: Zum Transport der Wasserfässer, der Gemüsekörbe zum Markt und vor allem zur Beseitigung von Müll.
Zum Abschied dankt der König mit bewegter Stimme „den guten Freunden in Deutschland“ für ihre Hilfe: „Das Solarlicht in der Schule, die Abendkurse für unsere Frauen und die Ökoherd-Spende – alles trägt zu unserem Wohlergehen bei und zum Zusammenhalt des Dorfes“. Eine gute Botschaft, ich gebe sie weiter.
(Dr. Rolf Pflücke – Juni 2010)
