25.03.2010 | Saaba und die ‚Wunderherde‘
Sechzig Frauen warten schon ungeduldig auf dem Dorfplatz, als der Herdtransporter anrollt. Der Harmattan (Wüstenwind) wirbelt soviel Staub auf, dass sich der Himmel vorübergehend gelb verfärbt.

Im Februar hatte der ‚Konvoi der Hoffnung’ drei Ortskräfte der GTZ eingeladen. Die sollten den Landfrauen zeigen, wie man mit Ökoherden sparsam kocht und die vorhandenen Nahrungsmittel wie Hirse, Mais und etliche Gemüsesorten vielfältig nützt.
Allein in Saaba hatten sie daraufhin 53 Eisenherde bestellt. Im Dorf Gonsé mit seinen 2800 Einwohnern war das Interesse noch größer: dort gingen sogar 270 Wünsche ein.
Energie sparen ist jetzt der Schlager in weiten Teilen Afrikas. Die Frauen wollen nicht mehr jeden Tag Holz in der Savanne suchen oder es von den Händlern teuer kaufen.
Da die meisten Kleinkinder zu versorgen haben wollen sie schnell und wirtschaftlich kochen. Das geht auf den eisernen Brennstellen viel besser, als auf den tausendjährigen drei Steinen.
Die Schmiede von Ouagadougou haben also viel zu tun. Mehr als 330 Herde sind jetzt für den KONVOI zu fertigen. Als ‚Roumdés’ ‚Lieblingsfrauen’, werden sie von der GTZ den Männern angepriesen – denn s i e müssen ja dem Kauf zustimmen, weil die Frauen kaum eigenes Geld haben. Die Werbespots im Radio und Fernsehen und Plakate an Strassen haben den kleinen Herd landesweit bekannt gemacht.
„Il n’y a pas son deux“ – so der Slogan – „Es gibt keinen wie ihn“.

Von der GTZ gefördert – Ökoherde
Die 53 Herde für Saaba werden nun angeliefert – die Stunde der Wahrheit. Denn jede Frau muss ein Drittel des Preises zahlen, der KONVOI trägt die anderen zwei Drittel.
Ein, zwei Euro pro Familie für einen kleineren Herd scheint wenig und ist doch für viele unerschwinglich. Im nahen Dorf Bantógdo erlebten wir 2009, dass nur die Hälfte der Frauen ihr bescheidenes Drittel zahlen konnten.
Hier in Saaba aber zeigen sie, wie man mit ‚Köpfchen’ zu etwas Geld kommt. Sie
sammeln Plastiktüten und verkaufen sie an einen Wasserabfüller (wir berichteten darüber).
Die einfache Grundschule von Saaba hat jetzt ein Magazin. Darin können Tische, Bänke, das Lehrmaterial und zwei große Ökoherde samt der Schulspeise (Hirse, Reis) sicher gelagert werden.
Der Nachschub an frischem Wasser läuft ebenfalls reibungslos. Der Wächter Edouard mit seinem neuen Eselsgespann wird sich künftig darum kümmern. 
Auf dem schattenlosen Dorfplatz scharen sich nun die Frauen um den Lastwagen mit den Herden. Eric von der GTZ hat eine Liste aller 53 Bestellungen und ruft nun die Namen auf. Viele haben gleich zwei Ökoherde bestellt, einen großen für das Hauptgericht – Hirsebrei, Reis oder Maispampe – und einen kleineren für die Beigaben und Soßen. Einige sind aus Neugier gekommen, andere hoffen, dass am Ende ein Herd für sie übrig bleibe, weil sie vergessen haben, rechtzeitig zu bestellen.
Am Ende sind alle 53 ‚Roumdés’ weg, verkauft wie warme Semmeln. Und was uns am meisten erstaunt: Die Frauen von Saaba haben alle ihr Drittel bezahlt.
108 000 CFA – rund 150 € – kommen so zusammen.
Und bei näherem Hinsehen entdecke ich, wo sie ihr Geld verstecken: nämlich dort, wo es kein Dieb je stehlen könnte: Im Knoten, der den Rock um die Hüfte hält. Eine nach der anderen öffnet dieses kleine Cachet und holt heimlich einen zerknitterten 1000-France-Schein heraus (1,50 Euro), ihren kleinen Schatz den sie sich mühsam erarbeitet (oder vom Mann bekommen) haben.

Eric, der Herdmann
Den KONVOI hat diese „Öko-Aktion“ samt dem vorangegangenen Unterricht im besseren Kochen rund 350 Euro gekostet. Den Frauen von Saaba aber öffnet sich eine neue Welt. Der Herd ist und war stets der weibliche Besitz und Status, ein Teil der Brautgabe. Ein Mann, der seine Gefährtin verstoßen will, tritt die drei Steine mit dem Kessel um.
Nun aber besinnen sich die Frauen auf Neues: 5000 Jahre Kochen auf Steinen gehen zu Ende. „Maintenant – nous modernes!“ sagt mir eine in holprigem
Französisch. „Jetzt sind wir modern!“ „Jetzt sind wir modern…“
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Auch im nahen Gonsé sollten 270 Herde verteilt werden. Doch die Schmiede in Ouagadougou kommen mit der Arbeit nicht nach. Wir mussten als die Verteilung auf April verschieben.
(Dr. Rolf Pflücke, 20.3.2010)
Wie geht es mit den anderen Hilfsprojekten zur Selbsthile im Bezirk Sougoubila voran?
Bei meinem heutigen Besuch in Bantógodo waren die Frauen trotz der Hitze und des unerträglichen Staubwindes am Weben. Die fünf neuen Webstühle sind angekommen. Nun mangelt es an bunten Fäden. Wir versprachen, für rote, gelbe und grüne Baumwollfäden zu sorgen, damit die Decken Farbe kriegen.
Lange Gesichter: Werkzeuge aber kein Material
Anders die Karité-Seifenherstellung. Zwar haben wir auch dort Nachschub beschafft, Geräte, Eimer, Formen. Doch die letzte Ernte war nicht üppig, die Nüsse sind längst verarbeitet. Nun heißt es, auf die nächste Saison warten, die im Oktober beginnt. Immerhin erweist sich das Handwerk als sehr einträglich; die Seife – gleich ob fest oder flüssig – findet guten Absatz auf den Märkten.
Die Seife-Siederinnen
Mit Francois Soulys Hilfe – dem Mann von Francoise, Chefin des Frauenvereins – sollte es gelingen, die Baupläne, Angebote und andere Unterlagen zu beschaffen. Bengo – eine Entwicklungshilfeorganisation in Bonn – muss uns bei der Finanzierung des Baus der neuen Oberschule helfen. Er lebt in Ouagadougou, ist einflussreich und sehr erfahren.
Bis Mai wollen wir eine weitere Augenarztkampagne auf die Beine stellen und der
Entbindungsstation ihr Solardach „aufsetzen“. Und zu Beginn der Regenzeit im Juni steht auch der Schulgarten an. Wir haben heute weiter im Norden (Kollo) eine von deutschen Gebern angelegte Muster-Pflanzung besucht. Dank kluger Bewässerung werden dort auf 5ha drei Gemüse-Enten im Jahr eingeholt.
Gerade in der Trockenzeit, wenn die Hirsespeicher leer sind, schaffen die fleißigen Frauen dort mit täglicher Arbeit ein kleines Wunder: Auberginen, Tomaten, Bohnen und Gurken, Zwiebeln und Karotten – man kann ihnen beim Wachsen förmlich zusehen. Ein Modell auch für unsere Dörfer?
(Dr. Rolf Pflücke – 22.3.2010)

