20.01.2010 | Zukunftsplan für Saaba
Die Frauen des Dorfes warten schon auf uns, angeführt vom Dorfchef im dunklen Boubou und Fez. Als wir auf dem weiten Platz vor der Schule halten stürmen sie auf uns zu: ‚Bonne Année – alle guten Geister mögen mit Euch sein“! Der Jahresanfang liegt zwar schon etwas zurück, doch die Gunst der Geister kommt uns sehr gelegen!
Dann führen sie uns stolz hinüber zur Solar-Anlage, deren Bau wir mit Peter und Elisabeth Herold aus Heidelberg im November beschlossen hatten. Sie wurde aus Angst vor Räubern nicht auf dem Dach, sondern vor der Schule verankert und die Nachbarn hüten sie wie ein Kind.
Die 40-Watt-Anlage läuft mit einer Trockenbatterie – muss also nur selten gewartet werden – und gibt vier Sparlampen Licht: ausreichend für ein Klassenzimmer, in dem die Frauen des Dorfes bereits mit Abendkursen begonnen haben. Freund Prosper (Bild oben), der Gründer und Erbauer der kleinen Schule, hat gute Arbeit geleistet. Und so darf er zum Test gleich mal das Licht anschalten. 
Lehrerin und zweite Klasse
Die Anlage hat gerade mal 500 Euro gekostet; aber sie macht schon jetzt in allen Nachbardörfern von sich reden. Dank der großherzigen Spenden werden nun auch die ärmeren Kinder, deren Eltern das Schulgeld von 30 € im Jahr nicht zusammenkriegen, den Unterricht besuchen können. Freudentänze!
Die drei Lehrer bekommen jeweils ein Pult und einen Stuhl. Und bis März wird (für 1000 €) ein ‚Magazin’ angebaut, in dem alle Schulgeräte (und später auch die Ökoherde für die Schülerspeisung) Platz finden sollen.
Es geht voran in Saaba – man sieht es an den Gesichtern. Die Kinder sind stolz, in die Schule gehen zu dürfen. Und die Mütter kommen zu uns und bedanken sich. Auch für die tägliche Wasser-Ration haben wir wieder gesorgt, eine Lehrerin kümmert sich darum und der Dorfmaurer holt Fass um Fass vom fernen Brunnen; nur er hat ein Eselsgespann.
Die Kleinen haben zu Weihnachten Schulhefte von mir bekommen und neue Stifte. 
Der Dorfchef herzt einen Buben, der uns ein Ständchen singt.
Im Schatten eines Baums backen die Frauen derweil Erdnusskringel, eines der drei oder vier Produkte, die sie zum Markt bringen können. Sie wissen sich zu helfen: Im Zuge der vom KONVOI (und den Herolds) begonnenen Frauen-Schulung sind ein paar Pfiffige auf die Idee gekommen, an der Fernstraße Plastiktüten einzusammeln, zehntausende liegen da herum. In Afrika wird billiges Wasser nicht in Flaschen, sondern in Halbliter-Tüten verkauft, die nach Gebrauch achtlos weggeworfen werden. Die Frauen haben nun begonnen, diesen Müll zu sammeln, die Plastikbeutel zu waschen und sie dem nahen Großabfüller zu verkaufen. Für zehn Kilo bekommen sie rund vier Euro. 
Doch nicht genug:
Jetzt wollen sie auch unbedingt Weben lernen, Seife sieden und Erdnussöl pressen. Drei Erzeugnisse, die sich gut vermarkten. Zu unserem Erstaunen haben sie schon ein langes Dokument vorbereitet (d.h. von kundiger Hand schreiben lassen), das sich ins Deutsche so übersetzt: Progamm zur Einkommensverbesserung der Gemeinde.
Als ich es durchblättere fällt mir die Kinnlade runter: Die Leute von Saaba sind fürwahr keine Schlafmützen: Für die Erdnussöl-Destille wollen sie ‚nen Schuppen bauen und eine Mühle plus Filter und Waage kaufen. Selbst an Arbeitshemden und Handschuhe (in blau) haben sie gedacht.
Für die Tuchweberei bitte: fünf Webstühle, Baumwolle und Spindeln. Zum Seifesieden 50 Kilo Rohstoff (Karitébutter) und allerlei Wannen. Kurzum: ein echter „Zukunftsplan“, der den Beteiligten die Chance bieten soll, etwas für sich und das Gemeinwohl zu tun. Getreu der Erkenntnis: Gib den Frauen das Heft in die Hand und Afrika kommt voran!
Der Chef hatte zunächst sehr geheimnisvoll getan und mir das Dokument erst nach mehreren Nachfragen überlassen. Ich verstand schnell, warum: Der Kostenvoranschlag übersteigt bei weitem unsere Mittel. Ganze 10 % wollen sie selbst erbringen. Freund Prosper fällt aus allen Wolken: „Gib den Leuten einen Finger und sie wollen die ganze Hand!“
Wir werden uns nicht beirren lassen und u n s e r e m Plan folgen: Nach dem Anbau des Schul-Depots und der Einschulung der ärmsten Kinder soll eine Ökoherd-Kampagne starten. Bislang müssen die Frauen ihr Feuerholz teuer kaufen; auf dem Feld gibt es keines mehr. Und die alte Art, auf drei Steinen zu kochen kostet zuviel Energie. Die neuen, billigen ‚Roumdé’-Herde sparen 40% Holz. Wir tragen zwei Drittel, die Abnehmer ein Drittel der Kosten: Hilfe zur Selbsthilfe!
Auch die Frauenschulung soll weitergehen, aber Prosper macht ihnen klar (Bild oben), Schritt für Schritt, für kleinere Gruppen und während der Trockenzeit, wenn auf den Feldern nichts zu tun ist.
Wir haben genug Erfahrungen in anderen Dörfern gesammelt– 1000 €uro pro Kurs reichen da oft schon. Und eines Tages wollen wir mit unsern Ärzten Augenkranke im Ort versorgen.
Prosper: „Schritt für Schritt…“ Prosper erklärt es allen und sie sind’s zufrieden.
Beim Abschied erzählen wir ihnen vom eisigen deutschen Winter, aus dem wir gerade kommen, von minus 15 Grad und Schnee. Und von der Freude, hier zu sein, im Land der Burkinabé, der „Aufrechten“. Aber was Schnee ist kann sich hier niemand vorstellen.
Dr. Rolf Pflücke – Januar 2010.