14.12.2009 | Besuch beim kleinen König

Der Ort Gonsé liegt eine halbe Fahrstunde nördlich von Ouagadougou mitten in der Savanne. 2.800 Einwohner, 500 Schulkinder. Ein Dorf von Hirsebauern und eine große Anzahl wissbegieriger Landfrauen, die endlich lesen und schreiben lernen wollen.

Gons   Frauen 12 09
Lehrer Leonard hatte sich mit der Bitte an uns gewandt, ihm bei der Frauen-Bildung
zu helfen. Und er fügte auch gleich einen Kostenvoranschlag bei: Knapp 1.000 € solle alles kosten. Die kleine Solaranlage (40 W) auf dem Schuldach, der Umwandler, die Batterie – und zwei Neonlampen, die den ausgesuchten Schulraum notdürftig beleuchten. Nicht teuer.
Der Chef des örtlichen CvD – Komitee zur Dorfentwicklung – holt uns an der Sandpiste vor dem Dorf ab und fährt mit seinem Moped voraus. Unter einem schattigen Karitébaum nahe der Schule warten schon die ‚Notablen’ – Gemeinderäte, CvD-Mitglieder und die Gesandten des Naba. Dutzende Hände strecken sich uns entgegen.
Kaum haben wir Platz genommen, da naht der kleine König.
Würdevoll mit Fez und Boubou, seinen silbernen Herrschaftsstab schwingend. Ein netter Herrscher, ohne Allüren. Einer wie alle – aber mit Aura.

Gons   Kl.K  nig 12 09
Trommelwirbel, Rufe, wildes Stampfen, so als nahte ein Dampfzug.
Drei Dutzend Frauen kommen da wie aus dem Nichts, dem Rhythmus der Tam-Tam folgend, die Hüften hektisch schwingend. Dó Tiégaba – heißt der Tanz, sich gegenseitig „am Hintern stossen“…

Gons   Ehrerbiet. 12 09
Die Stampede endet vor unseren Füßen, sechs Tänzerinnen werfen sich auf den Boden – und robben uns entgegen: Reverenz für den kleinen König und seine weißen Besucher. (Die sich in diesem Augenblick wie zu spät gekommene Kolonialherren fühlen…)
Sie verstehen es immer wieder, ihre Besucher zu überraschen:
An einem Montag, wo doch alle ihrer Arbeit nachgehen, werfen sich die Frauen des Dorfes in ihre schönsten Gewänder, ruft das ‚Komitee’ die Einwohner zusammen, nimmt sich der Naba drei Stunden Zeit – und schon ist die schönste Fiesta im Gange.
Nicht nur hier – überall in Afrika liebt man Feste, Trommeln, Tanz. Gons   Tanz 12 09

Und nützt jede Gelegenheit, die Hacke beiseite zu legen.
Jedes Fest hat seine Redner:

Gons   Lehrer 12 09
Der Naba. Lehrer Leonard übersetzt aus dem Moré ins Französische.
Die salbungsvollen Worte gelten den großherzigen Menschen in Deutschland. Der ‚edlen Dame’, die das alles möglich machte – und uns, ihren ‚Boten’.
Dann wenden wir uns dem Grund unseres Besuches zu: Der Mütterfortbildung.
Zu Beginn der Trockenzeit, wenn die Ernte eingebracht ist und die Frauen nicht mehr täglich aufs Feld müssen, bleibt ihnen abends endlich Zeit, mal an sich selbst zu denken.
‚Alphabetisierung’ ist das magische Wort. Sie wollen lesen und schreiben lernen – und en passant auch einige Grundbegriffe gesunder Ernährung und Hygiene. Lehrer Leonard hat ein Konzept entwickelt; im Dezember geht es los. Dreimal pro Woche je zwei
Stunden Unterricht für 35 Frauen. Vier Monate lang, bis zum Ende der Trockenzeit

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Mme.Kaboré – Stimme der Frauen
Ein kluger Afrikaner hat mir einmal gesagt: „Bilde einen Jungen – und Du bekommst ein Individuum. Bilde ein Mädchen – und Du schulst eine ganze Familie, ja eine Nation“. Über die starken afrikanischen Frauen habe ich schon oft geschrieben. Sie, die im
Morgengrauen (während die Männer noch schlafen) Holz und Wasser in der Savanne holen, den Hirsebrei auf ihren drei Steinen kochen, die Kinder füttern, dem ‚Pascha’ das Frühstück bereiten, dann aufs aufs Feld gehen, Unkraut jäten, Hirse, Maniok und Erdnüsse kultivieren.
Die am Abend müde nach Hause kommen, dann noch einmal für alle kochen und die Kinder ins Nest bringen müssen.
Überliesse man die Regierungen der Länder Afrikas den Frauen – es wäre ein anderer Kontinent!

110 0463 Esel k

Zwei Buben hatten mit Ihrem Eselkarren die 40-Watt-Solarzelle, Transformator, Batterie und zwei Energiesparlampen sowie das übrige Zubehör angeliefert. Für die 35 Landfrauen in Gonsé, die nur abends Zeit für den Unterricht haben, ließ Lehrer Leonard dann mit Hilfe der Spende die kleine Solaranlage aufs Schuldach montieren.

Gons   Ortsbegeh.12 09 1

Am Ende des Besuches bringen uns Lehrer Leonard und der kleine König zu einem alten, abgelegenen Gebäude, in dem die erste Klasse untergebracht ist: 106 Kinder eingepfercht in einen Raum, Buben und Mädchen, zu viert in einer Zweierbank. Aber mit Gesichtern voller Leben und – Wissbegier.

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Gons   Solarstrom 12 09 1

Und schon leuchten die zwei Stablampen auf – fiat lux! Zum erstenmal Licht im Dorf. So lernen bei Tageslicht die Kinder (oben) – und abends die Frauen (unten).

Gons   Licht 12 09
Burkina Faso liegt auf Rang 177 (von 182) der UN-Armutsstatistik.
Ursache dafür ist vor allem der erschreckend hohe Analphabetismus. Ein Erbe des französischen Kolonialismus. Nur 5,5 % der Bevölkerung Ober-Voltas konnten im Jahr der Unabhängigkeit 1960 lesen und schreiben. Heute ist eine wahre Explosion von Einschulungen im Gange. Alle drängen zum Unterricht, selbst wenn sie, wie in Gonsé, fünf Kilometer Fußweg haben. Der Staat kann nicht genügend Schulen bauen – und jedes Jahr kommen neue Pennäler hinzu.

Nun wollen auch noch die Landfrauen ihre versäumte Schulbildung nachholen. Weil sie merken, dass Lesen und Schreiben sie freier macht, wirtschaftlich wie persönlich.
Frei auch von der Knute der alles bestimmenden Männer.

Wie einfach wäre es für Gutgesinnte in der Ersten Welt, ein Solardach für eine Landschule zu spenden – 500 €. Oder gemeinsam für den Bau eines so
dringend gebrauchten neuen Schulgebäudes zu sammeln – 10.000 €.
Von jedem gespendeten Euro an den Konvoi der Hoffnung kommen 100 Cent garantiert an, weil alle Mitglieder alle Kosten, auch Überseereisen, selbst bezahlen.
Dr. Rolf Pflücke, 1.12.09


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