28.11.2009 | „Krankenwagen“ eingetroffen!

Eine dicke Staubwolke kündigt ihn an. Viele Dorfbewohner kommen neugierig aus ihren Hütten: wann fährt auf der Sandpiste nach Bantógodo schon mal so ein Mercedes vorbei? Dabei ist der Kombi schon 20 Jahre alt und hat 200 000 Km auf den Rippen.
Aber in Burkina Faso sind die meisten Autos noch viel älter und nicht wenige sind schrottreif. Eine halbe Weltreise hat der Benziner nun hinter sich: Vom Hof der Spedition Baz im nordbadischen Waghäusel zum Überseehafen Hamburg; von dort nach Accra (Ghana) und schließlich auf der Tropenpiste zu seinem Bestimmungsort in der westafrikanischen Savanne. In Bantogodo soll er künftig als Ambulanzfahrzeug dienen.

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Die Savanne – gestern und heute.
Das ganze Dorf ist an diesem Sonntag auf den Beinen; und da gerade Wochenmarkt ist kommen auch viele Besucher aus den Nachbarorten. Die Buschtrommeln kündigen es an: Ein Fest soll steigen. Und weil die Hirse-Ernte recht gut war hat man doppelten Grund zum Feiern.
Das medizinische Gerät an Bord des Fahrzeugs – von den Helfern des KONVOI DER HOFFNUNG solide verpackt – wird im Schatten eines Karitébaums entladen. Ein halbes Dutzend „Großköpfe“ haben sich angesagt: Der Naba Tigré, Stammesfürst und Politiker,
die Präfektin und der Bürgermeister, der Dorf-Häuptling und – ein blinder Barde und Bänkelsänger (Griot).
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Die ganze Dorfgemeinschaft ist versammelt, Jung und Alt. Da kündigt ein Trommelwirbel ‚Seine Majestät’ an, den Larlé Naba Tigré. Alle erheben sich und erweisen ihm ihren Respekt. Der Noble vom Stamm der Mossi ist mit seiner Körpergröße von 1,90 schon eine auffällige Erscheinung. In seinem blau-weißen Boubou, einen knallroten Fez auf dem Kopf, den silbernen Knaufstock wie ein Zepter tragend – ein kleiner König.

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Kaum hat er Platz genommen, da nähert sich ihm auf den Knien eine junge Frau und reicht ihm eine Kalebasse mit Hirsebier. Das Ritual entbehrt nicht einer gewissen Feierlichkeit – doch just in diesem Augenblick piepst sein Handy. Und da der Adelige – „Oui!“ – nun mit wichtigerem beschäftigt ist, geht der Willkommenstrunk erst
einmal an den Bürgermeister.
Die Savannendörfer Westafrikas haben nur eine dürftige medizinische Versorgung. Wo der Staat eine Krankenstation aufgebaut hat muss ein Schlangenbiss nicht gleich zum Tode führen. Denn dort gibt es meist in einem (mit Gasflaschen betriebenen) Kühlschrank Gegengifte. Und die Krankenpfleger/Innen wissen sie zu spritzen. Bei einer Bilddarmentzündung ist das schon gefährlicher. Denn ehe ein Wagen aus Ouagadogou
kommt und den Patienten ins nächstgelegene Hospital bringt, kann der Blinddarm geplatzt und alles zu spät sein.
So ein Ambulanzfahrzeug kann also Leben retten: nicht nur in Bantógodo, sondern auch in den Nachbardörfern. Wer erlebt, wie viele schwere Unfälle es hier täglich gibt, Brandverletzungen oder auch nur Geburtskomplikationen, der ahnt es.

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Schlüsselübergabe.
Die großherzige Schenkung aus Waghäusel wird in bewährte Hände gegeben; der Wagen kriegt einen Stellplatz neben der Krankenstation und soll von einem Fahrer betreut werden.

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Der blinde Griot (Barde)

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Übergabe des medizinischen Geräts an der Entbindungsstation.

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Der Naba tanzt mit.
Kein Fest ohne feierliche Reden und Versprechen, in Moré und auf Französisch. Der Naba rühmt die Brüderschaft zwischen Deutschland und Burkina; der Bürgermeister fordert seinerseits den Noblen auf, für Benzin und Wartung des Wagens zu sorgen. Was dieser mit der Bemerkung verspricht, er säße ja schließlich im Finanzausschuss des Parlaments. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Geschenke darf man hier nicht zurückweisen – es wäre eine Beleidigung. So wenig wie die Kalebasse mit dem Hirsebier, die von Mund zu Mund geht. Und so nehme ich aus der Hand des Dorf-Chefs einen Zeremonialhut entgegen, samt Hacke – und werde somit zum
Hirsebauern, honoris causa.

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(Der Naba Tigré wird mit einer Ziege nach Hause fahren.
Und unsere Freunde Peter und Elisabeth – unten, tags zuvor aus Deutschland gekommen, sehen sich in Aga Khan und die Begum verwandelt).

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In der Krankenstation am Eingang des Dorfes hatte es zuletzt an vielem gemangelt, nicht nur an Medikamenten. Dem Oberpfleger Mr. Guebré ist die Freude anzusehen, als ihn der adelige Naba in Begleitung des Distriktarztes und der Deutschen besucht. Binden und Pflaster, Blutdruckmessgeräte, Wundsalben, Schmerzmittel, Gazehandschuhe
- vieles von Ärzten aus dem nordbadischen Raum geschenkt.
PKW Ankunft 10M. Guebré, Chef der Krankenstation und der Distriktarzt mit dem Naba Tigré.
Gegenüber in der Maternité warten drei Frauen auf ihre Niederkunft. Eine vierte hat gerade entbunden, das Baby ist noch keine Stunde alt.

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Die Hebammen legen Wert darauf, dass die Schwangeren zu ihnen kommen; auch wenn
sie weitab in der Savanne wohnen. Künftig wird man sie notfalls mit der „neuen Ambulanz“ holen. Denn Hausgeburten führen auch hier oft zu Komplikationen und enden nicht selten mit dem Tod des Kindes.
Die Gemeinde will alle Neugeborenen registrieren und Geburtsurkunden ausstellen.
Das geht am besten durch eine „ offizielle“ Entbindung. Wie will man die Bürger anders erfassen? Die meisten Älteren wissen weder ihren Geburtstag noch das Jahr.
Doch es gibt noch andere Gründe für die „überwachte“ Geburt: In weiten Teilen Afrikas ist der Geisterglaube von gefährlichen Ritualen begleitet. So gilt vielerorts eine Zwillingsgeburt als schlimmes Omen – und als Fluch der bösen Geister. Genetische „Sonderlinge“ wie die Albinos – Schwarze mit weißer Haut, eine Stoffwechselkrankheit – werden gar als „Boten des Unheils“ gesehen und in abgeschiedenen Dörfern Afrikas getötet. (Aus dem Senegal, Tansania und Nigeria sind dramatische Fälle bekannt).
All dies spricht, neben rein medizinischen Gründen, für eine Entbindung unter Aufsicht.
Einen Wunsch haben sie auch in der ‚Maternité’: Dass wir neben dem bestellten neuen Entbindungsbett – das alte ist verrostet und ein Nistplatz von Bakterien – auch besseren elektrischen Strom liefern. Die Solarzelle auf dem Dach liefert (über eine Batterie) nur schummriges Licht. Und die Hebamme muss bei nächtlichen Geburten oft die Taschenlampe zur Hilfe nehmen. Der aus Deutschland gelieferte Entbindungs-Stuhl steht noch ungenützt auf dem Gang und hat vorerst keine Chance.
Am Schluss rücken alle zum Gruppenfoto zusammen. Auch der Naba Tigré lässt es sich
nicht nehmen. Der Bürgermeister, die Präfektin, der alte Dorfhäuptling und die Lehrer – sie alle wollen dem KONVOI für seine Arbeit danken. Auf dass sie auch im nächsten Jahr
weitergehen möge.

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Gruppen-Dank vor der Krankenstation.

Auf dem Rückweg begegnen uns diese Kinder. Vor der Kulisse mächtiger Baobab-
Bäume reiten sie frohgemut auf ihren Eseln heimwärts. Jeder ein stolzer Kleiner Prinz
wie bei Saint-Exupéry.

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Auch das ist Afrika – und eine Szene, die alle Bilder von Armut, Not und Gewalt für
ein paar Augenblicke vergessen lässt.
Ouagadougou, 17.11.09 (Dr. Rolf Pflücke)


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