15.05.2007 | Reisebericht über den Hilfstransport nach Tirol, Rumänien

Ende April erreichte ein Transport mit Hilfsgütern das Dorf Tirol in Rumänien.
Unser Kassier Bernhard Schilling war vor Ort. Er berichtet uns von der Reise und den sehr schwierigen Lebensbedingungen im Südwesten Rumäniens.

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Tirol, Rumänien – Hauptstraße nach Fises

Das Dorf Tirol liegt am Fuße des Banater Berglandes in Rumänien in der Nähe der Kleinstadt Bocsa. Wir haben noch etwa 400 km vor uns, da wir ja bereits in Südtransdanubien in Ungarn sind. Auf guten Straßen in Ungarn verläuft die Fahrt sehr zügig. In Szeged wird nochmals eingekauft. Waschpulver ist im Sonderangebot, auch Zahncreme, Seife, Shampoo und etwas Schokolade werden in den freien Nischen unseres Wohnmobils verstaut, so dass gerade noch etwas Platz zum Sitzen bleibt.

Die Zollkontrolle ist dank des EU-Beitritts von Rumänien inzwischen abgeschafft, der Blick in den Reisepass an der Grenze in Sekunden erledigt. Auf einer ebenfalls fast neuen Straße kommen wir nach Temesvar. Auch hier ist der Fortschritt schon spürbar, eine Unmenge von Autos in unterschiedlichem Erhaltungszustand versucht den Löchern in Straßen und Straßenbahnschienen auszuweichen. Wir fahren weiter Richtung Süden, noch etwa 80 km trennen uns von unserem Ziel und es ist bereits Abend.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass kurz vor Berzovia eine Nebenstraße abzweigt, die über Fises nach Tirol führt. Doch Schwester Katharina aus Tirol hat bereits einige Tage vor am Telefon gesagt, wir sollten diese „Straße“ nicht benutzen, denn es wäre ein nicht befestigter Feldweg von 14 km Länge. Da bereits die Nacht hereinbricht, als wir an diesen Abzweig kommen, entschließen wir uns für den Umweg über Bocsa und Doclin. In Bocsa verlassen wir die gute Hauptstraße und kaum zwei Kilometer später beginnt der Schlaglochmarathon. Inzwischen hat es etwas geregnet, Ausweichen ist in der Dunkelheit nicht mehr möglich; also Schrittgeschwindigkeit und Lenkrad festgehalten…

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Tirol, Rumänien – Kirche

Um 21.00 Uhr sind wir schließlich in Tirol. Straßennamen und Hausnummern sind Fehlanzeige. Wir fahren langsam durch das dunkle Dorf bis die befestigte Straße aufhört und der oben erwähnte Feldweg beginnt. Hier steht auch die Kirche, also kann das Pfarrhaus nicht weit sein. Da nirgends Licht brennt, „die Häuser bereits geschlossen wurden und die ‚Gehsteige eingeklappt‘ sind“, geht der Griff zum Handy, denn wir haben ja eine Telefonnummer. Doch unser Handy mit der SIM-Karte für außerhalb Deutschland versagt trotz vollem Akku den Dienst. Es gibt kein Funknetz. Erst mit dem Reservehandy ist außerhalb des Autos mitten auf dem Dorfplatz eine Verbindung möglich. Und zwei Minuten später begrüßt uns Schwester Katharina persönlich, denn wir stehen nur 50 m von dem kleinen Kloster entfernt.

Nach einem kurzen Abendessen wird noch ausgeladen, was wir mitgebracht haben, damit die Betten in unserem Wohnmobil ihrer vorgesehen Bestimmung dienen können. Am nächsten Vormittag soll es zum Haus der ASOCIATIA DE CARITATE HUMANITAS in Bocsa gehen. Dieser Verein wurde gleichzeitig mit dem Verein HUMANITAS HARTBERG (Österreich) gegründet und ist Träger für soziale Projekte, die finanziert mit Sach- und Geldspenden, hier durchgeführt werden. Auch der LKW-Transport des Konvoi der Hoffnung e. V. aus Oberhausen-Rheinhausen kam am vergangenen Freitag mit über 80 m³ Sachspenden hier an.

Bocsa ist eine Kleinstadt mit etwa 19.000 Einwohnern, darunter etwa 2.000 Sinti, die in einem eigenen Stadtteil leben. Im Jahr 2000 hat die letzte noch aktive Fabrik für Metallverarbeitung geschlossen. Die Arbeitslosigkeit erreichte damals ihren Höchststand mit nahezu 100 %. Heute gibt es einige handwerkliche Betriebe, es werden Häuser gebaut oder renoviert. Für eine Stadt, deren Einwohner vormals als gelernte oder ungelernte Arbeiter in der Fabrik ihrer Erwerbstätigkeit nachgingen, ist dies allerdings keineswegs ausreichend.

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Tirol, Rumänien – „Verkehr“ auf der Hauptstraße

Schwester Katharina fährt uns mit ihrem kleinen Auto die 18 km von Tirol nach Bocsa. Wir werden dort von Herrn Mircea Grecu, dem Leiter der Humanitas Bocsa, erwartet. Im Rahmen einer Besichtigung des Hauses stellt uns Herr Grecu die Arbeit des Vereins vor. Ein Arzt, der sich bereits in Rente befindet, hat ein kleines Behandlungszimmer, in dem Menschen ohne Krankenversicherung unentgeltlich behandelt werden können. Auch Medikamente werden hier ausgegeben. Die Medikamentenversorgung in Rumänien ist nicht kostenlos, es gibt Eigenanteile wie in Deutschland auch! Es gibt ein kleines Büro für Verwaltungsarbeiten oder auch zur Besprechung großer oder kleiner sozialer Probleme.

Über den Hinterhof gelangen wir zu einem weiteren Gebäude. Herr Grecu erklärt stolz, dass dieses Gebäude in Eigenleistung erstellt wurde. Im Erdgeschoß befindet sich die Kleiderkammer. Es gibt einen Lagerraum, in dem sich die Bananenkartons vom Konvoi der Hoffnung e. V. aus Oberhausen-Rheinhausen stapeln und auf Auspacken und Sortieren warten. In einem kleineren Raum davor, mit einfachen Holzregalen und Kleiderständern eingerichtet, erhalten Bedürftige gebrauchte Kleidungsstücke. Für die Kleidungsstücke muss man einen minimalen Betrag pro kg bezahlen, damit Missbrauch verhindert wird. Für die ganz Armen werden auch Kleidungsstücke kostenlos abgegeben, dies wird dann aber in einer Kartei registriert.

Über dem Lager und der Kleiderkammer ist ein großer Begegnungsraum mit einer kleinen Küchenzeile. Hier treffen sich nachmittags Schüler zum gemeinsamen Lernen und Spielen. Auch findet wöchentlich ein Gesprächsnachmittag für Sinti-Frauen statt. Auf diese Weise versuchen Herr Grecu und sein Team, die Probleme kennen zu lernen und für Abhilfe zu sorgen. Auch findet so eine soziale Weiterentwicklung statt.

Jetzt folgt der Ausflug in den Stadtteil der Sinti. Herr Grecu fährt mit dem Kleinbus der Humanitas. Er ist dort bei vielen Kindern gut bekannt und wird herzlich begrüßt. Es gibt keine Wasserversorgung, Frischwasser bekommt man aus dem Brunnen, von denen einige am Straßenrand stehen. Etliche Häuser, die wir sehen, sind allerdings in einem Zustand, dass man nach EU-Normen darin noch nicht mal Tiere halten dürfte! Die Humanitas verfolgt dort zurzeit ein Projekt, mit dem Material für Dächer finanziert wird, damit es nicht ständig durchregnet und die Häuser letztendlich einstürzen. Auch wurden in der Schule mit Spendengeldern aus Österreich Toiletten eingebaut.

Gegen Mittag verabschieden wir uns von Herrn Grecu mit der Zusage, dass dieser Transport nicht der letzte gewesen sein wird. Es geht weiter mit Schwester Katharina zum „Haus der Straßenkinder“.

Das Gebäude gehört der Stadt Bocsa. Diese stellt auch eine Leiterin und eine Köchin zur Verfügung. Das Objekt macht einen sauberen Eindruck, wenn auch die Ausstattung erheblich zu wünschen übrig lässt. Hierher kommen täglich –auch in den Ferien!- ca. 70 Kinder bereits morgens gegen 7.00 Uhr und können, abgesehen von der Unterrichtszeit, bis zum frühen Abend bleiben. Alle erhalten mittags eine warme Mahlzeit mit Suppe, Hauptgericht und Dessert. Gekocht werden aber rund 100 Portionen, da es auch regelmäßig weitere Kinder gibt, die nur zum Essen herkommen und nachmittags nicht bleiben. Und das Kochen geschieht auf zwei alten Küchenherden in normaler Haushaltsgröße. Selbst das Geschirr wird ausschließlich von Hand in einem Mini-Spülbecken gespült. Gegessen wird in drei Schichten, da weder die Sitzplätze im Speisesaal ausreichen noch genügend Geschirr und Besteck vorhanden ist. Die ganze Küche hat eine Größe von rund 8 m². Und da backt die Köchin auch noch Kuchen für das Dessert. Tischwäsche, Küchentücher etc. werden von ihr mit nach Hause genommen zum Waschen. Sie hat aber keine Waschmaschine, das geschieht ebenfalls in Handarbeit! Die Finanzierung der Lebensmittel erfolgt ausschließlich aus Spenden.

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Tirol, Rumänien – Schule

Es sind Kinder aus schwierigsten sozialen Verhältnissen. Schwester Katharina erzählt uns, dass beispielsweise erst vor wenigen Wochen ein vierzehnjähriges Mädchen vor der Tür stand, das von seinem Dorf 13 km zu Fuß gekommen ist. Es wurde dort über zwei Jahre von der eigenen Mutter zur Prostitution gezwungen, damit diese genügend Alkohol hatte. Das Mädchen wurde dann allerdings aus nahe liegenden Gründen in einem Heim in einer anderen Stadt untergebracht.

Arbeitslosigkeit, Alkohol, häusliche Gewalt usw. sind bei allen Kindern die Hintergründe, warum sie den Tag bzw. Nachmittag nicht zuhause verbringen können oder möchten. Sie erhalten so wenigstens eine ausreichende Mahlzeit am Tag und werden bei Hausarbeiten betreut. Ob sie überhaupt die Schulaufgaben machen dürften, wenn sie nach der Schule nach Hause gingen?

Nach dem Essen (Suppe, Sauerkrautwickel mit Polenta und einem kleinen Stück selbstgebackenen Kuchen) fährt uns Schwester Katharina wieder nach Tirol.

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Tirol, Rumänien – Kindergarten

Hier machen wir noch einen kleinen Rundgang durch das Dorf. Es ist alles sehr ärmlich, die Leute leben von dem, was der eigene Garten hergibt. Arbeiten gehen kann man nicht, es sei denn, man bekommt für drei Monate eine Anstellung in Österreich oder Deutschland. Im Kindergarten, der noch von 30 Kindern besucht wird, fehlen Scheiben und die Fenster schließen nicht mehr. Auch hier gibt es keine Wasserleitung.

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Tirol, Rumänien – Kindergarten

Schwester Katharina und ihre drei Mitschwestern versuchen alles, um mindestens den Kindern, die alle die Dorfschule besuchen, wenige Perspektiven zu eröffnen. So gibt es einen Schülerchor und eine Gitarrengruppe. Allerdings sind zuwenig Instrumente vorhanden. Auch sprechen die Kinder gut deutsch, da bis vor zwei Jahren in der Schule noch Deutsch unterrichtet wurde. Die wenigen deutschen Kinderbücher, die wir noch hatten, sind begehrt wie warme Semmeln.

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Tirol, Rumänien – Jugendkapelle

Am Abend wird dann noch die klostereigene Waschmaschine notdürftig repariert (das Modell ist mindestens 25 Jahre alt!), damit die Wäsche nicht mehr von Hand gewaschen werden muss.

So kommen wir auch hier nicht daran vorbei, unser Versprechen abzugeben, bestimmt wieder zu kommen. Am nächsten Morgen werden wir auf das Herzlichste verabschiedet. Dabei geht mir tagsüber dann ein Satz nicht mehr aus dem Sinn:

„Das mitgebrachte Waschpulver teilen wir in 1-kg-Pakete auf, damit alle Rentner ein Paket zu Weihnachten bekommen.“


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